Camera Inversa
Unfeministische
Aufzeichnungen
Claire. Eine Frau von fünfzig. Sie erträumt sich ein neues, ein
anderes, ein Leben nach dem Leben in der Familie. Ist das möglich?
Schreibend überdies? Szenen aus der Vergangenheit tauchen auf und
entwickeln sich zu Geschichten mit unvorhersehbaren Folgen. Die
Stimmen im Inneren – Erlesenes und Erlebtes – gewinnen an
Bedeutung. Ein Spiel mit Zeiten, Rollen und Namen, mit
Reise-Erfahrungen, Begegnungen mit fremden Menschen und
Landschaften erschafft sich seine eigenen Spielfiguren,
Verdichtungen eines Erzählens, das dem Bild des Knäuels eher
verschwistert ist als dem des Textes und der Textur. In diesem
Erzählen verwandelt sich die punktfixierte Reflexion in ein
schwebendes Bedenken und Überdenken der weiblichen Dinge, der
›Frauenfrage‹ und der Eingriffe in das wirkliche Leben, die ihre
Dauerpräsenz in den Köpfen bewirkt hat und weiter bewirkt.
Corveys Protagonistinnen sind mit einem Programm in die Welt
geschickt worden. Ohne es je ganz zu glauben, haben sie seine
Auswirkungen ›am eigenen Leibe‹ erfahren. Die träumerische
Verwandlung des nie ganz Angeeigneten, nie ganz Abgewiesenen in den
eigenen Lebensentwurf ist an ein Ende gekommen. Zeit für
›Bestandsaufnahme‹? Es gibt keinen Bestand, nur Schlieren einer
gleitenden Wirklichkeit, die dem registrierenden Zugriff ausweicht.
Zeit für Reflexion also? Ja, aber sie bleibt gebunden an die
eigenen Dinge, an das, was geworden ist und sein Eigenrecht
behauptet. Gebunden auch an die ältesten Stoffe, die sich nicht nur
auf der Bühne dem erstaunten Blick als die neuesten darbieten. Die
Bühne der Aufrichtigkeit – wo könnte sie liegen? Während Begriffe
wie ›innen‹ und ›außen‹ ihr Ziel verfehlen, bietet das ›Knäuel‹ den
Anblick eines Innenaußen, das nichts zu verbergen hat: Nur
Geduld!
Die Erzählungen Anne Corveys kommen auf leisen Sohlen. Es sind auch
weniger Erzählungen als Zustandsberichte, jedenfalls dann, wenn man
Zustände nicht als stationär, sondern als übergänglich betrachtet,
als etwas, das sich ausbreitet, verläuft, an Rändern Kontur
gewinnt, plötzlich Richtung bekommt und sich in andere Formen
ergießt. Sie kommen auch weniger, als dass sie da sind, angemeldet,
unangemeldet, transparent, halbtransparent auf andere hin, die
nicht berichtet werden, aber ebenso gegenwärtig sind wie die gerade
vergegenwärtigten. Schließlich sind es weniger Berichte über
Bedenkenswertes als vielmehr Formen des Bedenkens, das seine
Gegenstände nie ganz ausschöpft, nie ganz loslässt und nie
willkürlich auswechselt.