Seidentexte. Einträge
08
Notat-Gedichte
Wer sich einträgt, trägt etwas aus: einen Gedanken, eine Differenz,
eine Verschiedenheit, die im Meinen befangen bleibt, um sich aus
ihm zu befreien. Dazu bedarf es nur einer Fläche, einer Freifläche,
von überallher einsehbar, und eines Grundes, der trägt, was man ihm
anvertraut. Keinem Grund vertrauen - das sagt sich leicht im
Vertrauen, das nirgends ausbleibt, und sei es das auf den kleinen
hellen Fleck, der den Eintrag ermöglicht und festhält. Die
Nötigung, aufzuschreiben, was ist, weist dem Notat-Gedicht seinen
Platz an: das flüchtige, dem Tag oder dem Augenblick entwendete
Wort, das sich nirgends zur Rede-Wendung verfestigt, trägt sich in
Ordnungen ein, die es übersteigen, um in den Hintergrund zu
treten.
Seidentexte: ein Fund-Wort, mit dem Archäologen die 1973 in
Mawangdui entdeckten Exemplare des Tao te King und des I Ging
bezeichnen. Willms’ Einträge 08 finden, so ließe sich sagen, Grund
genug in einem Widerspiel, dem ein schmaler Ausschnitt des I Ging
und seiner 64 Hexagramme als Fläche genügt: eine Verbeugung vor der
Ordnung der Wörter, vor der sich die Ordnung der Dinge nicht ganz
verbergen kann.