Das Land aller
Übel
Fragmentroman
Herausgeber: Ulrich Schödlbauer
Wer das Werk dieses Dichters verstehen will, benötigt mehr als die
oberflächliche Kenntnis oder eine durch eigenes Erleben geprägte
Innensicht der untergegangenen DDR. Vor allem benötigt er eine
klare Trennung von Dichtung und literarischem Feuilleton. Das Wort
›Dichtung‹, seit mehreren Jahren im Deutschen verpönt, bezeichnet
ein eigenes Weltverhältnis, an das keine Kritik und kein
Unterhaltungswunsch zu rühren vermag. Körner schreibt nicht – vor
allem nicht augenzwinkernd – gegen eine Praxis an, die mit dem
östlichen System und dem mit ihm verbundenen Staat untergegangen
ist. Ebenso wenig handelt es sich um eines der obligaten
Erinnerungswerke, die allenthalben den häuslichen Bücherschrank
schmücken.
Das Land aller Übel ist der groß angelegte
Versuch, ein geschlossenes System nach Maßgabe seiner
existentiellen Prämissen im dichterischen Medium wiedererstehen zu
lassen: als Verwirklichung einer endlich gewonnenen humanen Praxis
am Ende und inmitten der langen Folge von Unterdrückungen,
Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten, die nach den Klassikern die
bisherige Geschichte der Menschheit ausmachte. Die ›eingemauerte‹
DDR zwischen Mauerbau und gewaltsamem Ende des Prager Frühlings
erscheint darin als eine vollkommen ernst zu nehmende Spielart des
irdischen Paradieses. Der Abgrund zwischen Paradieserzählung und
-realität wirkt wie eine Bühne für etwas, das sich wohl am ehesten
als
wirkliche Unwirklichkeit bezeichnen ließe: jene
komplexe Choreographie sprachlicher, seelischer und pragmatischer
Verrenkungen, die das System eine Zeitlang als lebbar erscheinen
lassen und an die sich anschließend niemand erinnern lassen möchte.
Thomas Körners ›Fragmentroman‹ ist vielleicht das klügste, sicher
das distanzierteste Werk über die realsozialistische
Wirklichkeitsverweigerung in deutscher Sprache. Die Verweigerung
zeigt sich ebenso mental wie praktisch, in den aktiven Organen des
Staates und seiner speziellen ›Sicherheit‹ wie in seinen keineswegs
›passiv‹ zu nennenden Bewohnern. Auch so leben Menschen – in diesem
schwierigen Satz ist die parabolische Bedeutung des
Paradiesberichts in jenem doppelten dialektischen Sinn aufgehoben,
der die Dialektik selbst in seinen Strudel zieht: Sie leben auch,
also keineswegs paradiesisch, und: je paradiesfixierter, desto
fluchtbereiter.
Fragment vom Wort
Entstanden
1969/1971 Ostberlin
Material
ca 150 Exemplare der Zeitungen »Neues Deutschland« und »Neue
Zeit«
»Deutsche Grammatik«
Fragment vom Buch
Lose Notizen
ab 1965/66 Ostberlin
Erste Entwürfe zu einer Gesamtkartei
ab 1971 Ostberlin
Fortlaufende Einträge in alle fünf Kästen
seit 1975 bis heute
Fragment vom Mensch
Erste Notizen
ab 1977 Ostberlin
Verlust des Materials
1980
Wiederherstellung der Aufzeichnungen
1982 - 2007
Ausführung des Typoskripts
2008 Unterschüpf
Fragment vom Staat
Entwurf
1971/1973 Ostberlin
Ausführung
2002/2003 Unterschüpf
Material
»Neues Deutschland«
»Gesetzblatt der DDR«
»Sozialistische Spieltheorie«