Ton Stein Haus.
Schreibstücke
Das Haus der Iokaste. »Solange wir den Druck nicht
verstanden haben, unter dem Iokaste sich entleibt, solange bleibt
dieses Stück unvollständig – ein Scherben, an dem man sich ritzt,
während man das eine oder andere zu sehen glaubt, aber die
Sonneneinstrahlung ist zu stark und das Aufblitzen der Ränder
entschärft den Blick. Vielleicht ist diese Figur zu stark für das,
was wir zu sagen wünschen und redend vertagen. Vielleicht sollten
wir von anderem reden und uns ihr hinterrücks nähern. Vielleicht
sollten wir einfach anders zu reden beginnen – wie Leute, die mit
einer Sache durch sind und nicht mehr viel Federlesens zu machen
bereit sind. Soll sie doch vor die Hunde gehen. Wer ist überhaupt
diese Iokaste? Menschen, die nicht aufhören können, gibt es zuhauf.
Besitzen sie erst die Mittel, ihrer Schwäche nachzugehen, bis ans
Ende und darüber hinaus, dann werden sie, ganz richtig, zur Pest.
Höre Ödipus, wie sonst nur Gläubige hörten: du hast die Pest im
Haus, du hast sie am Leib, du hast sie überall, aber du bist sie
nicht und du bist nicht ihr Erzeuger. Ausgelöst hast du sie und ein
Hauch davon schlägt dir ins Gesicht.«
Man blickt auf einen magischen Würfel, dessen
sechs Flächen sich in vier verschiedenen Konstellationen über die
links und rechts angeordneten Stichworte anklicken lassen. Jede
dieser Flächen besteht aus den bekannten neun Quadraten, hinter
denen sich jeweils ein Stück Text verbirgt. Das Thema lautet
›Beziehung‹. Die Durchführung stellt eine Art Labyrinth dar, in dem
jede Abkürzung erlaubt und vergeblich ist. Was geschieht und
geschehen wird, ist geschehen, es erscheint, eigentümlich verdreht,
in Rede und Gegenrede. Der Würfel lässt sich weiterdrehen, in neue
Konstellationen hinein, die den alten mehr oder weniger gleichen.
Etwas stimmt nicht, und sollte es einmal stimmen, so machte es
keinen Unterschied: mit der nächsten Drehung geht es vorbei.
Die Pfade.
Gedichte
Die vier Gedichtbände
Ionas, Organum Mortis, PoliFem und
Im Jahr des Schweins bilden ein Ganzes. Über einen Zeitraum
von dreißig Jahren hinweg entstanden, stehen sie für den Versuch,
die Lyrik gegen ihre Vereinnahmung als Instrument politischer
Beeinflussung und mentaler Abfederung gesellschaftlicher Prozesse
neu zu erfinden. ›Was weiß die Lyrik?‹ – so lautet die Frage, die
jeden Vers unsichtbar begleitet. Wenn sie etwas weiß, dann
offensichtlich etwas, was sich dem pragmatischen Blick auf die
Verhältnisse unaufhaltsam entzieht. Ein solches Wissen kann man
bestreiten, man kann die Türen zu schließen versuchen und
vorsorglich das Licht ausschalten: Auch der Schlaf der Poesie ist
für Erkenntnisse gut. Aber er findet, wie jeder Schlaf, einmal ein
Ende. Gingen die Menschen in ihren Handlungen auf, dann gäbe es
keine Lyrik. Es gäbe
Lützows wilde, verwegene Jagd und die
Drahtharfe, aber keine Lyrik. Das Selbst, der Tod, die
Ohnmacht und der Fortgang der Dinge im Scheitern ergeben ein
Wissen, das sich nicht zu Beständen verdichtet, es sei denn in
Versen. Jener große Müllhaufen, ›Kultur‹ genannt, in dem all das
unterschiedslos nebeneinander zu liegen kommt, was erst durch
schroffe Trennung Kontur und Eigenleben erhält, besitzt kein
Gedächtnis. Verse hingegen, sofern sie diese Bezeichnung
rechtfertigen, wohl: Man muss sie dem Schutt entziehen, ohne sie
sogleich in musealen Arrangements verschwinden zu lassen. Das kann
nur Lyrik – das neu einsetzende Sprechen, in dem die ältesten, halb
tierischen eingeschlossen, zusammen mit den verstiegensten Lauten
anwesend sind, um den Zeitgenossen hörbar zu werden. Man müsste sie
die in Sprache eingetretene Gegenwart nennen, wäre diese Formel
nicht hoffnungslos verbraucht für das, was hier nicht in Betracht
kommt.
Im Manutius Verlag erschienen:
Ionas (2001),
Organum
Mortis (2003),
Polifem (2004). Die (älteren)
Druckfassungen weichen teilweise von den hier publizierten ab.
Das Alphazet
»Und noch vor zehn (!) Minuten, nach ein paar Schlucken warmen
Wassers, das ich nach dem Aufstehen in der Früh brauche, dachte ich
an nichts anderes, als dass ich Ihnen schreibe, wie ich gestern
beinahe sofort nach der New Yorker Ernüchterung – das bleibt sie
jedenfalls (obwohl ich das schon wußte; ich habe schließlich fast
ein Jahrzehnt lang, nicht zu glauben, in einer amerikanischen
Schule unterrichtet), mit oder ohne Sloterdijk – das
Mersmann-Schödlbauer’sche Alphazet, heruntergeladen und geöffnet
habe (EPUB). Und da habe ich nicht umhin können, mir vorzustellen,
wie diese doch brodelnde Gedankenküche ihre Existenz behaupten muss
– gegenüber der geradezu scheußlichen Weltrealität, die wir da
täglich einatmen. Es sind ja unheimliche Wortbildungen da drin –
und Vorstellungen, die richtiggehend einer anderen ›Gegen‹-Sphäre
entspringen und in diesem tellurischen Geistes-Entwurf fortan
kreisen müssen. Kompliziert wie eine der berühmten astronomischen
Uhren, die nicht mehr repariert werden können, weil uns das Zeug
dazu fehlt. Eine Notwendigkeit, also. Eine gesellschaftliche
Notwendigkeit. Was bleibt mir noch gegen die ubiquitäre Wallstreet
und die Thatcherische Ausdünnung aller Meistersingerischen Substanz
unserer Berufe und noch erhalten gebliebenen Lebensweisen? Das
Alphazet – ich kenne es noch zuwenig, verspreche mir jedoch viel
davon – könnte wohl, wenn nicht etwas von unserer verlorenen
›Ursprünglichkeit‹ zurückgeben, so uns doch zeigen, wohin einmal
der Weg ging, der nun verwüstet ist.«
Suitbert Oberreiter
Gesellschaftsdämmerung
Kulissen-Spiele
Aus den Begriffen schwindet der Sinn, sobald sie umfassend geworden
sind. Der Sinn von ›Gesellschaft‹ tendiert seit langem gegen Null,
das Wort ist zu einem Synonym für Gedankenlosigkeit verkommen. Was
daran gut, was schlecht sein mag, schwebt im Ungewissen wie das
Schicksal der Gesellschaft selbst, die den Nachteil hat, nicht
einfach zu verschwinden. Auch das lässt sich behaupten, aber es
ergibt keinen Sinn, es sei denn nach irgendeinem normativen
Verständnis. Natürlich kann man fragen, ob es die ›rein deskriptiv‹
erfasste Gesellschaft überhaupt gibt, ob sie nicht selbst eine
normative (oder ›konzeptuelle‹) Schimäre darstellt. Fest scheint zu
stehen, dass sie eine Art parasitären Daseins fristet. Die Quellen
der Gesellschaft liegen außerhalb ihrer selbst, sie können auch
versiegen, wenn die gesellschaftliche Verfügung über sie
unangemessene Wege geht. Eine Zeitlang konnte man die Ökologie als
eine Metapher für diese Art von Bedenken verstehen, heute ist sie
eine Form des Kommerzes und nicht länger ein Instrument der
Reflexion.
Gesellschaft und Geschichte, Gesellschaft und
Politik – die Begriffe liegen, wie die Bereiche, nahe beieinander,
sie durchdringen einander und verändern ihren Sinn im Verbund.
Keiner von ihnen kommt ohne das Epitheton ›modern‹ aus. Die Moderne
nach der Moderne, die Moderne in der Moderne, sie verweisen auf
eine Moderne vor der Moderne, auf ein System der Ankündigungen, der
Prophezeiungen und der deutenden Nacharbeit, das an das Schicksal
der christlichen Parusie erinnert und ihr bis in entlegene Details
verpflichtet bleibt. So gesehen, ist das Ende der Geschichte ein
Täuschungsmanöver – der Versuch, auf die andere Seite der Deutungen
zu gelangen, im Grunde ein Exerzitium des Vergessens. Es so zu
sehen, stellt die Frage nach der Kultur: Ist eine Kultur imstande,
sich selbst zu vergessen? Gibt es ein beschreibbares Danach, wie
sähe es aus? Was in der Polemik leicht erscheint, ist es für die
Reflexion keineswegs.
Mikropoetik
Miniaturen und Verse in: Ad Acta
Texte in Grabbeau