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Am Zeug flicken

gesprochen von Gabi Rüth

Der Mann heißt Flick und ist trotzdem arbeitslos. Das gibt es – jahrzehntelang dem etymologischen Auftrag (Flick, flicken, mhd. vlicken, einen Fleck, Lappen aufsetzen) gerecht werden, bis zum 60. Lebensjahr malochen, sich zum Experten für schwere Fälle, Havarien, hocharbeiten – man rief ihn: in der Not, wenn die Arbeit nicht weiterging, oft genug, daß er bekannt war in der ganzen Knappschaft –, um dann gesagt zu bekommen: Danke, das war’s. Ab jetzt sind Sie frei fluktuierendes Humankapital. Nun heißt der Mann mit vollem Namen Flick von Lauchhammer. Damit war ja eigentlich schon alles gesagt: Wer in Lauchhammer lebt und Geld und Ehre im Braunkohletagebau verdient hat, kann vorne noch Flick heißen und hat hinten schon ausgedient. In der Niederlausitz geht diesbezüglich schon lange nichts mehr. Was nicht ganz stimmt: Immerhin verdanken sich Wolfgang Hilbigs apokalyptische Visionen einer solch malträtierten Landschaft. Er meint zwar das Altenburger Land, wenn er 2003 in der Süddeutschen Zeitung schreibt: ... nein, es war nicht Landschaft zu nennen, worauf wir lebten, es waren Verwerfungen von Landschaft, die immer wieder neu verworfen worden waren, aber in der Lausitz sieht es nicht anders aus. Diese Form des künstlerischen Einverleibens und Fruchtbarmachens einer Gegend, die es hinter sich hat und verlassen wurde von den Mannschaften und Maschinen, wie es Volker Braun ausdrückt, steht auf einem anderen Blatt. Das legen wir beiseite, schließlich geht es um Meister Flick, der durchaus seinen Anteil hatte an der, um es neutral zu sagen, intensiven Neugestaltung dieses Landstrichs. Nun hätte der alte Sack an die Rente denken können, aber seine Mechanik war zu geölt, seine Unruhe zu lange aufgezogen worden, als daß er zur Ruhe kommen konnte. Anders formuliert: Flick ist seine Arbeit los, nicht aber seine Energie. Und die paart sich nun mit Wut. In bewährter voller Montur – Karabinerhaken am Koppel, roter Helm – okkupiert er das Arbeitsamtsbüro, um seiner Sachbearbeiterin, Frau Windisch (wie sollte sie auch sonst heißen), die Fragen zu stellen, die er ein Leben lang gestellt hat: Wo ist das Problem? Wann geht’s los? In völliger Ignoranz der Tatsache, dass er, Meister Flick, selbst das Problem ist, setzt er forsch und nichts und niemanden schonend zu einem Parforceritt durch die Welt der 1-Euro-Jobs, der Ämter, der Arbeitsbeschaffungs- und anderen Maßnahmen an, die die Marktwirtschaft sonst noch zu bieten hat für einen, dem Volker Braun das Motto des Romans in den Leib gehämmert hat: O Arbeit, besser wärs, du hättest nie begonnen. Einmal begonnen jedoch, solltest du nie mehr enden. Darauf besteht Flick in aller Unerschrockenheit, nimmt körperliche und andere Blessuren billigend in Kauf, bis das Fiasko im 47. Kapitel, worin Flick mit dem Tode ringt, seinem Finale furioso entgegengeht. Was soll ich sagen: Der Tod ist nicht die schlechteste aller Lösungen – vor allem für einen, der gar nicht gelebt hat. Denn Flick ist, das versteht sich von der ersten Zeile an, eine Kunstfigur wie sie künstlicher nicht sein könnte: ein Stückwerk, ums in Flicks Diktion zu sagen. Meister Flick jagt als Don Quijote durchs Land, lässt sich von Enkel Luten, der den Sancho Pansa gibt, nicht beirren: Windräder sind keine Windräder, sind Windflüchter, windige Flüchtlinge! […] Billiglöhner, Ausländer (nannte er die Landplage), die es zu bekämpfen gilt: die Flügel spitterten. Flick entstammt auch der ebenso stolzen wie verwirrten Ritterschar, die Paul Mersmann in seinem Zyklus Cavalleria andante (1994) auf eine (auch ihnen selbst) unbekannte Mission schickt: Oft kämpften die Ritter ohne jede Kenntnis Ihrer selbst und brachten sich empfindliche Niederlagen bei. Flick ist ein Schelm. Geprägt von den Narren aller Zeiten, den Simplen, den Gauklern und Bänkelsängern, die Gertrude Degenhardt ein ums andere Mal mit der Radiernadel bannt: diese derben Gesellen, in der einen Hand die Fidel, in der anderen den Schnaps, auf den Lippen die Verse, in denen sie der Welt ihre Wut entgegenschleudern: Wer aber, / rief der Arbeitsdirektor, / auf sich mit der rechten Hand weisend, / weit über den Platz, / Wer von euch wirft den ersten … / Im Prasseln des Steinhagels / war weiteres / nicht zu verstehen (Franz-Josef Degenhardt: Im Jahr der Schweine, Hamburg 1970) Flick ist der personifizierte Widerstand. In ihm weben die Weber auf immer weiter: … Wir weben emsig Tag und Nacht – / Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch, / Wir weben hinein den dreifachen Fluch … (Heinrich Heine: die schlesischen Weber, 1844), in ihm haben die Opelianer schon vor der Krise rebelliert. Volker Braun platziert seinen Meister Flick strategisch klug an die Schaltstellen der real existierenden Marktwirtschaft. Dort lässt er ihn agieren: derart kompromisslos, auf seiner ureignen Logik beharrend, wie es nur einer literarischen Gestalt dieses Formats erlaubt ist. Es ist grotesk. Aber was ist grotesk? Nicht der Text, nein, sondern die Welt, aus der er entstanden ist.