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Bin wieder da

gesprochen von Gabi Rüth

Als das Schiff bereits geladen, das üppige Gastmahl jedoch noch in vollem Gange ist und der Sänger unbeirrt singt, überfällt Odysseus eine große Unruh’: Aber Odysseus / Wendete viele Male den Kopf nach der strahlenden Sonne, / Auf ihren Untergang drängend; er sehnte sich endlich nach Heimkehr. Dieser Moment, in dem die Sehnsucht sich neu justiert, markiert die Umkehr: Aus dem Aufgebrochenen wird der Heimkehrer, aus Odysseus der Prototyp des Zurückkehrenden, aus einem so beiläufig eingeläuteten Motiv eines, das bis heute in der Literaturgeschichte – um im Bild zu bleiben – fest verankert ist. Dieses Motiv scheint eine, wie soll ich sagen, gewisse Resistenz gegen Bagatellisierung, gegen Profanisierung entwickelt zu haben. Und das will etwas heißen: Denken Sie an all die verlorenen Söhne, die inzwischen heimgekehrt sind. Und wie ihnen gehuldigt wird, zum Beispiel beim 1. FC Köln. Der heimgeholte Lukas Podolski avanciert zum Heilsbringer. Wie viele Reisen sind getan, über die, im privaten wie im öffentlichen Raum, mit quälerischer Penetranz berichtet wird, obwohl es nichts zu berichten gibt? Wie weit haben Füße dazugehörige Heimkehrwillige getragen? In wie vielen Filmchen und Textchen wird auf das Sujet gesetzt? Wie viele Bären sind im Kreis gelaufen, um Panama dann doch daheim zu finden, wie viele Männer namens Hans haben ihr Glück in der Ferne gesucht – und sind arm, aber zufrieden wieder zu Muttern zurückgekehrt. – Fällt Ihnen etwas auf? Das Thema scheint, vorsichtig ausgedrückt, männlich dominiert zu sein. Hauen wirklich nur Männer ab? Ich weiß es nicht.
Jedenfalls scheint sich ein ganzer Zweig der Fernsehindustrie auf die wohlfeile Portionierung nicht nur der Geschichten der Auswanderer, sondern der Rückkehrer spezialisiert zu haben. Häppchenweise liefert sie sie als sogenannte Doku-Soaps. Doch letztlich können selbst diese lauen Aufgüsse dem Motiv nichts anhaben. Es gibt einen Rest, einen Kern, der sich jedem Trivialisierungsversuch widersetzt. Der, auch wenn es pathetisch klingen mag, unbefleckt bleibt. Woran liegt’s? Vermutlich an der Vielschichtigkeit des Motivs, sozusagen an der Kulminationsdichte. Positives wie Negatives hat sich ins kulturelle Gedächtnis gebrannt, das, wie Jan Assmann formuliert, weit zurückreicht in die Zeit. Ein Konglomerat menschlicher Erfahrung also, verwoben zu einem dichten Motivknoten. Welchen Faden Sie auch immer ziehen: der Knoten lässt sich nicht lösen. Hier ist Odysseus verortet, der schlafend den heimatlichen Hafen erreicht. Mit ihm all diejenigen, die aufgebrochen sind, um neue Entdeckungen – welche auch immer – zu machen. Die reich an Erfahrung zurückkehren – und nunmehr anders sind als die anderen. Sie kehren von ihren Reisen wieder und wissen etwas, was die Daheimgebliebenen nicht wissen. Das schafft Respekt und schürt zugleich Ängste. Heilige Scheu packt die Menschen vor Schamanen, deren Ausflüge in unzugängliche Bewusstseinswelten zugleich suspekt und faszinierend wirken. Poes alter Fischer, der den Sturz in den Malstrom überlebt hat und von Kollegen aufgenommen wird, erzählt: Die mich an Bord zogen, waren meine alten Kumpane und täglichen Gefährten – doch sie kannten mich so wenig, als sie einen Wandrer aus dem Geisterreiche erkannt hätten. Als Überlebender einer Katastrophe wird er gesucht und gemieden zugleich. Der Protagonist aus Philippe Claudels neuem Roman Brodecks Bericht ist auch solch ein Mann: Brodeck hat die Konzentrationslager überlebt. Ich kam aus dem Innersten der Erde zurück. Mein Körper sah aus wie der eines Toten. Und überall, wo ich auf meinem langen Weg vorbeikam, rannten die Kinder schreiend vor mir weg, als hätten sie den Teufel gesehen, während die Männer und Frauen aus ihren Häusern traten, mich umringten und berühren wollten. Nun kehrt er zurück in sein Dorf irgendwo an der deutsch-französischen Grenze. Er wird gemieden, da er die Dörfler an die Zeit der Kollaboration erinnert, an Verrat, an Schuld – aber auch, weil sein Erleben derart Ungeheuerliches einschließt, das ihn zu einem Anderen macht: Das Gefühl, anders zu sein, kannte ich gut.
Brodeck kennt noch etwas: Er kennt die Scham der Rückkehrer, die Scham, überlebt zu haben. So sieht die Grundkonstellation des Romans aus, in dessen Verlauf Brodeck zum Beobachter und Chronisten eines kollektiven Verbrechens wird: Ein Zugereister, ein Fremder, ein Anderer wie Brodeck selbst, wird getötet. Die Tiefe des Romans liegt in der Intonierung des Motivs der Rückkehr. Der Facettenreichtum des Motivs scheint unmittelbar auf – ob man will oder nicht. Das gilt auch für den Roman Kein schöner Land von Patrick Findeis. Schauplatz ist ein Kaff namens Rottensol. Allein bei diesem Namen und angesichts des wurmstichigen Apfels auf dem Coverfoto liegt der Gedanke nahe: Wer je diesem Nest entronnen ist, wird wohl kaum freiwillig dorthin zurückkehren. Von wegen Kein schöner Land in dieser Zeit / als hier das uns’re weit und breit! So bedarf es einiger dramaturgischer Eingriffe, um die Protagonisten zurück nach Rottensol zu bringen, auf dass sich dort eine Tragödie vollenden möge, die viele Jahre zuvor begonnen hat. Jetzt wieder nach Hause kommen, stöhnt Jürgen, einer der Heimbefohlenen. Nur so viel noch zum Roman: Bruderkampf, Brandstiftung, Rivalität, unschuldiges Schuldigwerden, das dann doch nicht so unschuldig ist – alles vorhanden. Und gewissermaßen satt unterfüttert durch das Rückkehr-Motiv, dessen sich Patrick Findeis auf durchaus geschickte Weise bedient. Und dann ist vor kurzem noch eine Erzählung erschienen, die in diese Reihe passt: Der Argentinier von Klaus Merz. Wenn ich Ihnen sage, dass diese Novelle nur 90 Seiten zählt, aber das lange Leben eines Mannes umfasst, der die Schweiz verlassen hat – Um wegzukommen aus der alten, auf Grund gelaufenen Welt –, um in der Steppe Argentiniens als Gaucho glücklich zu werden (was übrigens weder albern gemeint noch als Persiflage ausgeführt ist), dann ahnen Sie, dass Klaus Merz mit Leerstellen umzugehen weiß. Gerade soviel Informationen, dass die Ränder markiert sind, schon kommt der innere Film in Gang, gespeist aus dem kulturellen (und natürlich auch privaten) Bilderreservoir. Ein paar Mal das Rückkehrer-Motiv zusätzlich auf überraschende Weise intoniert, schon dehnt sich die Erzählung auf exakt die Länge, die der Leser wünscht. Meine Lieblingsbinnengeschichte ist die von den Siebenschläfern: Immer aufs Neue trägt der Argentinier die Tierchen aus dem Haus zurück in den Wald, um ihnen – wie man gerne sagt – die Freiheit zu schenken. Doch die possierlichen Viecher laufen schneller zurück als er selbst. Wie sämtliche Texte von Klaus Merz ist auch diese Novelle ein poetologisches Lehrstück – der Schweizer hat nun mal ein Faible für das Sichtbarmachen intertextueller Gefüge. Aber er macht es mit leichter Feder. Welch ein Vergnügen.