(8) Pro Fußnote e.V.
In diesem Land existiert für alles eine DIN Norm. Auch für Fußnoten. DIN 5008 regelt ihre korrekte Nummerierung und den Einsatz des Fußnotenstriches. Auch Grundstrich genannt. Fußnoten zählen zum wissenschaftlichen Apparat. Fußnoten sind lästiges Übel, Beiwerk, Werkzeug – allein dieses technokratische Vokabular zeugt davon, dass es hier in erster Linie um Akte der Verwaltung geht. Obwohl das nicht immer stimmt: Manchmal verlässt ein Autor in einer Fußnote den stringenten Weg seiner im Haupttext dargebotenen Argumentation zugunsten einer assoziativ motivierten Anmerkung, einer süffisanten Replik auf die These eines Kollegen oder gar einer Abschweifung. Eine Denkfigur, der ich gern huldige, gefasst in eine metaphorische Umschreibung, die mir gefällt: Ich sehe förmlich den Ausgangspunkt, von dem ein Gedanke sich loslöst und frei, sich dem Raume überlassend, seine Bahn zieht. Nur der Schweif ist noch erkennbar. Aber das am Rande. Natürlich sind sowohl nationale wie europäische DIN Normen im Land der Fiktion ohne Gültigkeit. Aber täuschen wir uns nicht: Schlägt man einen Roman auf, dessen Schriftbild an zähe Lesestunden gemahnt, ist es aus mit der freudigen Gestimmtheit. Als ob eine Altlast den freien Zugang blockierte. Es heißt, Anthony Grafton, Autor der durchaus seriösen Studie Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote (Berlin 1995), habe die Fußnoten mit einer Toilette verglichen, ohne davor zurückzuschrecken, die damit verbundenen, möglichen Übel explizit zu nennen. Zum Beispiel den schlechten Geruch. Sie schlagen also einen Roman auf, finden Fußnoten vor und … – na ja, Sie wissen, was ich meine. Haben Sie aber den Impuls der Abwehr überwunden, werden Sie durchaus in dem ein oder anderen Fall belohnt. Nehmen wir Nacht des Orakels von Paul Auster oder den Weiberroman von Matthias Politycki. So geht’s doch: Erstens hält sich Paul Auster zurück, was die Anzahl der Fußnoten betrifft, und zweitens macht es Laune zu lesen, wie er die Authentizität seines zunächst schreibgehemmten Erzählers durch die Informationen in den Fußnoten zu stützen sucht. Zudem ahnt man, dass das dramaturgische Spiel noch längst nicht ausgereizt ist. Matthias Politycki fährt gleich das komplette Programm auf: Der Autor mimt den Herausgeber eines fragmentarischen Textes, einer Hinterlassenschaft, die nicht in einer Flasche, sondern in einer Pension auf der Insel Frauenchiemsee gefunden wurde. Selbstverständlich verlangt ein als historisch-kritische Gesamtausgabe getarnter Liebesroman einen kompletten Anhang mit editorischen Notizen, Zeittafel und Anmerkungsapparat. Die Fuß- treten hier als Endnoten auf, die garantiert die DIN-Norm 5008 erfüllen, aber vor allem sind sie Teil eines ästhetischen Kunstgriffs, dessen Sinn darin liegt, den Inhalt des Weiberromans zu untermauern – und zugleich zu untergraben. Germar Grimsen dreht mit Hinter Büchern. Der Reigen die Schraube noch eine Umdrehung weiter. Wobei er das Spiel mit den Fußnoten nicht auf die Spitze treibt, sondern umkehrt: Existieren bei Auster und Politycki Haupttexte, denen Fuß- bzw. Endnoten zugeordnet sind, so besteht Hinter Büchern aus Fußnoten, zu dem ein mehr oder weniger notdürftiger Haupttext geschrieben wurde. Ich gehe jede Wette ein: Ehe dieser Roman zum Roman wurde, existierten die Fußnoten. Noch in Form von Notizen, verwahrt vielleicht in guten alten Zettel- oder Karteikästen: eine Art Privatlexikon des Autors, der alles sammelte, was er je gehört, gelesen oder recherchiert hat. Das heißt: Er besaß die Fußnoten. Und nun brauchte es halt den Plot als Wäscheleine, um sie aufzuhängen. Dieser Plot geht ungefähr so: Wiebke, eine Studentin, und Knud, ihr Hund, besuchen regelmäßig Flohmärkte und das Antiquariat Christian Kellers, das im Bremer Schnoor-Viertel liegt. Das muss so sein, denn der Antiquar ist der Protagonist und der Buchladen der zentrale Schauplatz. Sie ahnen nicht, wie viele Fußnoten bis jetzt bereits möglich sind. Über diesen sehr speziellen Stadtteil lässt sich einiges sagen, über den Hund natürlich, flugs kommt der Autor Germar Grimsen, auch er war übrigens mal Antiquar in Bremens Innenstadt, zu Bärli und Zerberus und Newton, der wohl ebenfalls mal einen Hund hatte, aber auch irgendwie zu Claudius und der Reform des lateinischen Alphabets. Das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen. Der Zufall will’s nämlich, dass Wiebke auf dem Flohmarkt ein zerfleddertes Buch geschenkt bekommt, das einen unbekannter Hölderlin-Erstdruck enthält. Ohne zu ahnen, welchen Schatz sie in Händen hält, gibt sie das Buch an Keller weiter. Obwohl der Antiquar das Buch durchblättert und zudem ein ausgewiesener Hölderlin-Kenner ist, entgeht auch ihm der Fund. Wenn Sie jetzt ernsthaft nach dem Grund fragen, habe ich das Konzept des Romans nicht deutlich machen können und vor allem nicht das Credo Herrn Kellers: Wer Anstand hat, fragt nicht. Also weiter: Der Hölderlin-Druck wird gestohlen, wiedergefunden, Bremens Antiquare wittern ein Geschäft, das große Schachern beginnt. Steht in der Inhaltsangabe, die der Verlag wohlweislich mitgeliefert hat. Ich bin gar nicht erst bis zum Schachern gekommen, denn was soll ich sagen: Dieser Roman ist nicht lesbar. Jedenfalls nicht im konventionellen Sinn, Zeile für Zeile, Seite für Seite. Jedenfalls nicht unbeschadet, wenn man die eigene Gesundheit im Auge hat. Folgen Sie der Logik des Autors und verlassen brav bei jeder Fußnote den Haupttext, verlagern Blick und Aufmerksamkeit auf den unteren (zu allem Überfluss auch noch zu klein gedruckten) Fußnotenteil, so drohen Sie im Zwang der abrupten Themenwechsel nicht nur den Überblick, sondern auch die Nerven zu verlieren. Also bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder Sie werfen nach 50 Seiten den Großroman, ob der schieren Materialität vom Verleger so tituliert, löblicherweise mit einem Augenzwinkern, allerdings mit Verweis auf Musil und Arno Schmidt, falls jemand mal gerade nicht an diese Liga gedacht hat, also entweder sie werfen Hinter Büchern aus dem Fenster und beobachten, wie die Kräfte der Gravitation auf 1,5 Kilo Papier, fadengeheftet, einwirken oder sie überdenken die Kategorie Lesbarkeit. Denn wenn die Produktion des Autors von einem gewissen Maß an Selbstverliebtheit gesteuert ist, um es freundlich auszudrücken, wenn die Produktion also einer sehr individuellen Marschroute folgt, dann muss es gestattet sein, ihr eine ebenfalls individuell gestaltete Rezeption entgegenzusetzen. Praktisch heißt das: radikale Absage ans chronologische Lesen, ans Erfassen-Wollen jedes Details, stattdessen munteres Hineinlesen, Schneisen schlagen entlang wiederkehrender Themen oder Stichwörter. Nicht, dass ich nun soweit wäre, dem Verein Pro Fußnote beizutreten, aber ein gewisses Vergnügen stellt sich schon ein, betrachtet man den Roman als üppiges Büfett. Hier wie dort gilt: Sie bestimmen die Speisenfolge. Sind Sie an einem gedanklichen Ausflug zu Brennesseltee interessiert? Steigen Sie ein mit Fußnote 183. Oder wüssten Sie lieber etwas über Voltaire und die Affen? Fußnote 163 gibt Auskunft. Oder Sie nutzen das Personenregister. Von A wie Abaelard über Calvin, Hebbel, Hegel, Steiner bis Z wie Zwingli. Kalliope musste ran, sie musste das Register schreiben, so ist im Epilog zu lesen. Die Arme hat zwar gemurrt: Ach, ein Register zu singen ist blöd, sich aber dennoch gefügt. Unter einer Bedingung allerdings: ergrüble dir eine / Prächtige Sonderzuwendung: ich denke an ›viel Schokolade‹. Einen Riegel hätte ich jetzt auch gerne. Zur Belohnung – fürs Lesen.