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Auf der nach oben geschlossenen Skala der nervigsten Fragen an Schriftsteller rangiert für mich im obersten Drittel: Sagen Sie, haben Sie das alles erlebt? Wirklich erlebt? Worauf der Fragende gern ein Stückchen näher rückt und nachschiebt: So wie Sie schreiben, müssen Sie das alles erlebt haben. Wahlweise die Liebe am Kap, das Ränkespiel der Börsianer, die Deportation oder die Ménage à trois. Die Frage kommt immer. Sie hat steigende Konjunktur. Sie kleidet sich in unterschiedliche Gewänder. Auch Jesus, Odysseus und Heraklit stehen auf dem Prüfstand. Haben sie wirklich gelebt und gewirkt? Nur das zählt, suggerieren die in Terra-X-Manier gedrehten Filmchen, aufgepeppt mit Computeranimationen und Laienspielszenen, die die Dürftigkeit der Fragestellung kaum kaschieren können. Sollen sie forschen und darüber berichten, meinetwegen, aber bitte nicht mit diesem Anspruch, der die Glaubwürdigkeit der Odyssee an das Faktum der Existenz des Odysseus knüpft. Personen, Taten, Geschehnisse, die die Wurzeln unserer kulturellen Identität bilden, werden im Laufe des generationenübergreifenden Transfers wahr – sie erlangen gewissermaßen eine Weise der Wahrhaftigkeit, die unabhängig ist von ihrer realen Existenz. Und das gilt selbstredend auch für die Literatur. Die Frage nach, wie soll ich sagen, nach dem Erlebnisgrad des geschriebenen Wortes ist irrelevant in Bezug auf die Qualität des Geschriebenen. Es stört mich nicht so sehr der Voyeurismus, der sich hinter der beflissenen, an der Literatur (und an sonst nichts) interessierten Schein-Seriosität versteckt. Es ärgert mich nicht die Spannermentalität. Nein, mich ärgert, mich erbost die implizite Botschaft, die da lautet: Eine Literatur, die auf faktisch Erlebtem basiert, ist mehr wert als eine rein fiktionale. Diese Aussage ist ebenso unsinnig wie die umgekehrte, nach der die wahre, reine Literatur die ist, die sich vom Leben gänzlich abkoppelt. Wobei ich mich schon immer gefragt habe, wie das eigentlich gehen soll: Fließt nicht immer ein bisschen gelebtes Leben ein? Schließlich hat selbst ein Dichter nicht zwei Köpfe. Das nur in Klammern gesagt. Also: Das wirklich Erlebte wird gern gegen das bloß Erdachte in Stellung gebracht. Welcher Unfug – in vielerlei Hinsicht. Ganz abgesehen davon, dass das Wirklichkeits-Konzept, das da hervorblitzt, fragwürdig ist. Was heißt schon wirklich erlebt in einer Zeit, in der die Hirnforscher aus dem Labor rufen, dass wir erlebte und gehörte Geschichten auf gleiche Weise speichern, unser Gedächtnis also keine scharfe Trennlinie zwischen Realität und Fiktion kennt. Aber auch das nur am Rande. Dieses unselige Unterfangen, den realen, gern als Wahrheitsgehalt (was auch immer das ist) apostrophierten Kern eines Textes zu extrahieren, degradiert die Literatur zur Erfüllungsgehilfin der Realität. Natürlich vermag die Kunst Ungeheures in einer ungeheuren Weise zur Anschauung zu bringen. Semprun lehrt es, natürlich Kertész. Das ist nicht der Punkt. Es ist dieses arrogante Beharren auf dem Fehlschluss, die Güte etwa einer Erzählung hänge davon ab, ob der Autor oder die Autorin den Stoff aus dem eigenen Leben bezieht oder nicht. Das ist ignorant – nicht nur wegen der Brüchigkeit jeder Erinnerung, sondern weil die Authentizität einer Erzählung stets in der Erzählung selbst zu suchen ist: Sie muss in sich konsistent sein, ohne Verweis auf einen außerhalb liegenden Anker. Ihr Weltentwurf, ihr symbolisches oder metaphorisches, wie auch immer zusammengeschweißtes System muss in sich schlüssig sein. Wie ich darauf komme? Durch das Lesen, das wiederholte Lesen des Textes Idylle mit ertrinkendem Hund, den der Österreicher Michael Köhlmeier 2008 veröffentlicht hat. Eine Novelle, die auf dem Cover allerdings nicht als solche ausgewiesen ist – der Autor hat auf jede Gattungszuweisung verzichtet. Worum geht’s? Ein Schriftsteller bekommt Besuch von seinem Lektor: Dr. Beer, ein spröder Mann, besessen von der Literatur und seinem Beruf, sparsam in Bezug auf privaten Austausch. Doch im Haus des Schriftstellers und seiner Frau beginnt er sich wohlzufühlen. Auf einem der Spaziergänge durch den Schnee passiert ein Unglück. Die beiden Männer beobachten, wie ein Hund in einen zugefrorenen See einbricht: Er stemmte sich mit den Vorderläufen auf dem Eis ab, aber zwei Drittel seines Körpers waren bereits nach wenigen Sekunden unter Wasser. Während Dr. Beer losläuft, um Hilfe zu holen, versucht der Schriftsteller verzweifelt, den Hund zu retten. Er robbt aufs Eis, greift das Tier, aber es gelingt ihm nicht, es aus dem Wasser zu ziehen: Das Wasser durchweichte den Mantel und drang bis zur Haut durch, und da dachte er ein drittes Mal daran, den Hund loszulassen. Wenn er tot ist, was für einen Zweck hat es, wenn ich ihn weiter festhalte? Aber der Hund lebte noch. Die gesamte Novelle ist auf diese, sich über mehrere Seiten erstreckende Szene ausgerichtet. Eine Szene, die ihr dramatisches und tragisches Potential nicht nur aus sich selbst bezieht. Wenige Seiten zuvor erfährt man, dass der Schriftsteller und seine Frau vor drei Jahren ihre Tochter Paula verloren haben. Sie ist auf einer Wanderung abgestürzt. Niemand konnte ihr helfen. Die Kernszene der Erzählung funktioniert also wie ein Kulminationspunkt, in dem Ohnmacht, Hoffnung, Trauer und Ausweglosigkeit ob des gewesenen und des geschehenden Unfalls miteinander verschmelzen. Das ist gelungen wie die gesamte Novelle gelungen ist. Und nun kommt’s: Diese Erzählung ist im entscheidenden Teil autobiografisch, was Köhlmeier kaum zu verschleiern versucht. So übernimmt er z.B. den tatsächlichen Namen seiner Tochter. Paula ist 2003 mit 21 Jahren tödlich verunglückt. »Wie kann ich über den Tod unserer Tochter schreiben?« fragt der Erzähler in einer Art Selbstgespräch: »Willst du denn darüber schreiben?« - »Das möchte ich, ja.« - »Ich denke, ich weiß, wo das Problem liegt. Du bist dir nicht sicher, ob du Literatur machen willst oder bloße Erinnerung, hab ich recht?« Nicht, dass wir uns missverstehen. Das Geschehene, der Unfalltod Paulas, ist schrecklich, ist vielleicht das Schrecklichste, was Eltern passieren kann. Gerade deshalb darf das außerhalb respektive vor der Literatur liegende Faktum nicht zu ihrer Beglaubigung herhalten, es darf nicht Maßstab werden für die Überzeugungskraft des Textes. Die Folge wäre eine Entwertung – und zwar des Lebens wie der Literatur. In diesem Sinn ist Idylle mit ertrinkendem Hund ein überzeugender Text – obwohl er wahr ist. Wage niemand den Autor zu fragen, ob er die Geschichte mit dem Hund wirklich erlebt hat.