Ulrich Schödlbauer: PoliFem sat.1
1

Die Hand, Lady, die Hand –
haschend
aus einer Schwärze
nach einer anderen, halb-
halb sichtbar, noch einmal, noch –
rasch, zu rasch fürs Gehirn,
ein Streifen Haut, senkrecht, verschiebbar:
Wer nennt sowas Hand? Wer kann das entscheiden? Niemand
vielleicht, jedoch...
vorsichtig sollte man sein. Mag sein, er kreuzt
eines Tages hier auf und zieht seine Bahn
auf erstarrten Gesichtern. Denn, wirklich
nichts hält ihn auf.

Schwarz. Auch eine Farbe. Sie sehen heißt:
wissen, woran man ist.
Diese Schwärze hingegen
ist anders. Sie schwärzt die Wirklichkeit selbst.
Da nun liegt das Problem. Oder es läge dort,
wenn man es ließe, denn
im Land der Lösungen kehrt
es sich um. Ein Tröpfchen TRUSOPT, da liegt
die Wahrheit in der Mixtur, und COSOPT
weist den Weg, weist den Weg. Apropos Weg:
wir sind ihn gegangen, du oder ich oder wir
beide, getrennt. Dergleichen bedenken
lohnte fast nicht, obzwar es
unablässig geschieht, einfach
im Hören und Sehen, im Nebeneinander,
in der Verschlingung. Am hellen Mittag erscheint
Horus, einäugig, starr
den Blick auf die Zukunft gerichtet.
Guter Job, ernährt seinen Mann. Ohne Wahl
war es Erwählung vermutlich. Sicher
ist einer nie. Warum auch?

Warum denn nicht? Darin bestand doch der Weg,
darin besteht er noch immer. Sicher waren wir schon,
solange wir Grund hatten, Grund genug, oder ihn fanden.
Hatten wir ihn? Aus uns sprach das Leben
pur.

Lachhaft springt es sie an,
die es nicht teilten. Leben ist komisch.
So etwas sagt sich dahin, erstaunt fast
steigt es aus unbescholtenem Mund. Aber die Nach-
rückenden stehen uns schon in den Schuhen. Es läuft
sich schwer davon. Man kann sie verstehen. Außer, der Lärm
nimmt ganz überhand, dann muss man sich prügeln.

Psst – das Schweigen, wo ist es? Zum Teufel –?
Gegangen, auf leisen Sohlen gegangen.
Einfach... gegangen. ›Entweichen‹, Verb, dafür gäbe man gern
eine Sprache dahin: weich, weicher, entw... Welcome.
Im nächsten Körper, im nächsten.

Dieser, im Asselgang der Geschäfte,
gibt her, was er kann. Das ist viel, alles fast,
zu viel wahrscheinlich. Minderung
steht nicht zu hoffen. Sie kommt, wenn sie kommt,
unverhofft, Schlag auf Schlag. Kraftvoll steckt
im Zuviel das Zuwenig. Seitenverkehrt
buchstabiert es sich richtig. Wer keine Blöße besitzt,
sie zu bedecken, der ziehe
warm sich an: ihn trifft der Zorn des Geschlechts.
Menschens- ... Wie hieß das Wort? Zum Teufel, wer
hat hier das Sagen! Niemand? Einer zuviel,
ein Peiniger, auf den keiner
setzt, der nicht selber im Trockenen
säße, mit einwärts gewandten Sohlen.

Auch das will gelernt sein. Eher von selbst
kommt das Versehen. Wer sich einmal versah,
hat die Versprecher im Rücken. Schnell geht das,
im Handumdrehen, der Neid
vermag das Geringste:
an so einem Wort lernt
einer das Beißen oder
ein Nerv verlernt sich und stellt
sich lange Zeit tot. Wie lange? Für immer.

Sehen
am Leitfaden des Auges. Nicht das gesunde
ist hier gefragt. Auch die Hand
mischt sich ein, sie schreibt, was zu greifen
nahe lag, aber aus Gründen sich weigert.

Auge, sei still. Das ist nicht dein Revier, du sollst hier
keinen verbellen. Sanft fließt die Rede, die keine ist,
weit, ein Stück weit, vermischt mit entfernteren:
Mangel erst macht sie hörbar, ausgespart
zeigt sie Kontur, fast Härte, denn niemand
ist da, sie zu hören, ihr Brüllen trifft niemandes Ohr.
Schreib auf, mon cœur, was dir widerfuhr. Es entfernt sich
nicht so weit, wie du meinst, von dem,
was einer denkt, dem es die Sprache verschlug,
oder ein zweiter oder... – Das reicht! – Oder auch nicht. Viele
sind so. Erhöben sie ihre Stimmen,
flösse das Wasser bergauf. Das darf nicht sein. Ihr Schweigen, privatim,
deutet die Welt. Schreibe, wer will. An Lesungen
mangelt es nicht. Jeder tönt, wie es geht.
So kommt heraus, was üble Nachrede sonst
sorgsam verschweigt, denn
glaubhaft wäre sie gern. Allein an Lesern
mangelt es sehr. Wer kann, muss nicht, er hat
andere Sorgen. Im Knast, hört man, kreist die Legende,
dass Schreiben bessert: Chancen, wen sonst? Das muss man fördern.

Schreib auf. Schreibe den Epitaph:
Für die Freunde, die tot sind,
an Schulen verrottet, Konrektoren vielleicht,
Ranzenträger im Schlepp einer längst
beförderten Null. Für die Freunde, die tot sind,
ausgelagert aufs rollende Element,
die Pendler-Toten, denen das Dasein
komfortabel entgleitet. Für die Freunde, denen nichts zustieß außer...
gar nichts. Was nicht so selten geschieht. Auch das
wie jedes Geschehen, muss man bedenken.
Zwischen den Orten bröckelnden Grauens kurvt es sich sorglos.
Nichts sein zermürbt. Nicht von gestern auf heute,
aber von gestern auf morgen
tötet es zuverlässig. Schlimm wütet
der Stellungskrieg unter der Decke,
die jeden deckt; tagaus tagein erheben sich alle
neu, wie gehabt, keinerlei Schicksal
rafft sie dahin. Nur das Bewusstsein läuft Amok. Unblutig, außer
gegen sich selbst. Da zerschellt mancher Schädel
zwischen vier Wänden, ach, und das Pausenbrot klebt
an den Fingern. Gut, das lässt sich beheben. Mobil sind sie alle
und rasch aus dem Häuschen. Drinnen
sitzt die Geschiedene. Bedenke das Ende! Wie denn? Die Tochter
könnte häufiger kommen, allein
gegen die Mutter läuft nichts, und was aus dem Sohn wird,
geht den Vater nichts an. Er zahlt schweigend.

Das geht, wie es kam. Die Töchter und Söhne des Booms,
zu spät, zu früh. Demographische Masse, geschmäht
von Demagogen. Deren Klientel ist älter und jünger. Hochtrabend schon
in den Windeln. Sowas hält sich durch, selbst wenn die Prostata
neue Anreize schafft, Positionen
zu überdenken.

»Aus Fehlern lernen.«
»Wir haben das gemacht.«
»Damals dachten wir so, heute ... anders.«

Glückwunsch.

Besser ausgebildet, nüchtern von Anbeginn:
die gern Übergangenen. Eiliger
in die Jahre gekommen als in die berichtbare Vita.
Sprachlos noch immer. Vom Stimmbruch gezeichnet
bis auf den Grund.

Glückliche Siebziger. Wer hoch ansetzte, fand
sich schnell in den unteren Rängen.
Hart, beinhart müssen sie sein, spät erst
trumpfen sie auf und richtungslos
gegen die Falschen. Die richtigen Gegner
haben nicht lange gewartet, ungreifbar sind sie und werfen
aus dem Spiel, wen sie können. Das endet nie
oder spät im Gesabber. Die Medizin ist das Schicksal. Krank macht
bereits der Gedanke. Der Hohn
holt sich, was recht ist, schon Spötter
haben das Nachsehen. Dafür
finden sie manches. Liegen bleibt immer.

Niemand ... hat das Sagen. Es findet sich hier und da
an tragischen Wassern, mit denen gewaschen
Thorax auftaucht, unerwartet, ein Strich in der Landschaft.
Wie das? Ungewiss krallt sich der Haken
in taubes Gestein. Weiter geht es und Klagen
verweht der Wind leicht. Hirngespinste umkreisen
den Ort, den keiner betritt,
der sich nicht austrägt. So oder so. So oder anders. So oder
anders herum. Im Steigen tränen die Augen, das pflückt
abwärts sich leichter, ganze Büschel davon
reißt, wer abgeht, mit sich in die Tiefe.

Niemand hat das Sagen. Wer
danach fasst, glaubt, er sei
ein Bluter vielleicht. Täuschung
auch das. Wo immer er hingreift, er greift
in Messer. Es ist ... nicht zu fassen. Der Blender
ist auf und davon, du kannst ihn nicht hören,
nur die Unruhe zieht
hinter ihm drein. Hier. Hier und da. Da oder dort.
Wohin du dich schlägst, es ist
das Gleiche. Was ist
das Gleiche? Es ist
niemandes Schuld. So steht es und so
bleibt es sich gleich. Nur Ich, leidiger Wechsel
auf ein erbittertes Morgen, entschlägt sich. Ein Wunder:
›Wo Ich ist, soll nichts werden.‹ Das lässt sich einrichten, das
gelingt auch dem Dümmsten auf Anhieb, damit
rechnet sichs leicht. Das Talent, das aufglänzt, wohin
ist es gegangen? In den Schatten. Ein Auge kennt
mehr davon, als du denkst. Bevor du aufbrichst:
Denk an die Bilder. Im blinden Fleck
sind sie schon immer vergangen, kein Fernruf
bringt sie zurück. Also beklage dich nicht. Geblendet
stehst du im Raum. Das zuzugeben fällt schwer. Niemand
erwartet dich da; herbes Los. Du kannst ihm entgehen,
wie so vielem, das sich im Ausgang verwirrt,
wie immer, durch frühen Entzug, doch das
liegt nicht in deiner, es liegt obenauf
in einer Hand, die sich ballt
vor jeder Entschließung. So oder so.

Im Dämmerbezirk des Gedenkens
lagern die Täuschungen pur.
Auch Härte blendet: den, der sie übt, wie den,
der sie erfährt. Mancher sieht sich als Hoffnung
und es verschlägt ihm die Sprache. Spät erst weiß sie die Worte
für eine Welt, die entglitt,
ohne zu werden. Damit lässt sich leben. Ganz gut,
tönt der Spanner, nichts finden die Freunde
dabei, so weiß man wenig am Ende,
fast nichts, über den Verlust,
der den Unterschied macht. Gerade ihn,
nicht irgendeinen, bewahre,
nicht irgendeinen, nur diesen einzigen,
der den Auftritt lohnt, der ganze erbitterte Einsatz
liefe ins Leere, wie es auch wirklich geschieht.

Unverhofft kam das alles. Die Blendung
sieht keiner voraus. Auch dass die Rede
schon auf und davon ist, bevor
einer sich ihrer bedient, das ist
schwer zu durchschauen und kaum
hält es sich aus. Davon, vom Aushalten,
geht, wenn sie geht, die Rede, nach den Entmündigungen.
›Ergebnisse sehen.‹ Dann aber scharf,
von allen Beteiligten, plötzlich. Keine Chance,
unblessiert zu entkommen. Beteiligt sie alle,
Spieler, Mit-, Mietspieler, denen die Schminke
abgeht, fast nach Geschmack ... er, gerade er weiß
ein Lied davon –

Keine Macht haben ist bitter. Bitterer ist es,
Macht zu haben, aber nicht wirklich,
Macht zu haben, wenn die Sendboten schon unterwegs sind,
Macht zu haben, wenn die Luft, die man atmet,
durch ihre Lungen ging und die eigenen Leute
in den Vorzimmern jener größeren Macht
ein und aus gehen. Da fällt leicht ein
Apfel vom Stamm und ein Wurm
trollt sich ins Freie. Im Unwegsamen
kann einer dauern, dort, wo die Meute
in ihren Jeeps sich zerstreut und der kalte Berg
verhindert, was not tut. Die Not tut, was sie muss, darüber,
jenseits der Death Zone kletternd
gibt man sich wortkarg. Der Dichter Han Shan
dichtet das Seine. Auch das ist herb, das Ziel
treibt Blüten im Schnee, weiße Video Tapes.