Ulrich Schödlbauer: PoliFem sat.3
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Niemand reist in Europa. Man fährt oder fliegt
hier- oder dahin. Pisa oder Den Haag. Auch Tallin.
Griechenland, ah: Dorthin reist man noch immer. Auch das ist EU.
Balkan, bloß eher. Näher liegt die Türkei,
auf dem Sprung wie gehabt. Daran
verdienen viele. Am anderen Ende Den Haag
ist eine vornehme Stadt. Man sitzt hier gern zu Gericht.
Träume werden darüber leicht schwindlig, sie nehmen
ein Grün an, in das besser
keiner hineinschaut, ein Tümpelgrün, drin
Risalite sich spiegeln statt Realitäten.
Das wird besser im Mauritshuis:
Wer dort hängt, führt seine Kriege
gegen das Licht. Bei den lebenden Toten
geht das Herz auf und zu. Ein leises Gefühl der Beklemmung
will nicht weichen. Es will nicht. Eher drängt es hinaus. Das
geht nicht. Ein System, leicht beherrschbar am Anfang.
Später, mit der Gewöhnung, wächst das Bedenken.

Vic. Im Teatro Olimpico brennen die Lichter
heller denn je. La città é il teatro. Das ist in dem Fall
nicht anders als sonst. Allein auf den Brettern
spitzt es sich zu. Kein Portikus
kennt den anderen. Wer steht, steht
als Solitär. Nur im Effekt
gruppiert es sich. Da kommt zusammen,
was nicht zusammen gehört. Im Auge des Publikums
trifft es sich zwanglos. Auch das Publikum
trifft sich, die Schaulust
kommt und geht mit den andern, ohne Biglietti
ist nichts zu machen. Zwanzig Euro das Stück,
das macht schon etwas, das macht
einen Umsatz. Auch die Eisverkäuferin macht
einen Umsatz, niemand trägt es ihr nach.
Warum auch? Dafür ist man gerüstet.
Ausgebildet sogar, gut ausgebildet, absolut
sicher. Absolut sicher. Niemand sieht
das anders, doch wer ist niemand? Ein Non.

Ein Einzelner, der dem Tod folgt,
findet ihn gleich um die Ecke. Er drängt
sich nicht auf, du findest ihn handzahm. Es liegt wohl
 an der Beleuchtung. Wenn auf dem Pflaster
die Schritte verhallt sind, die Rufe
sich an das Dunkel gewöhnten,
wenn das Gelächter erstirbt
und die letzten Fetzen Musik
zerschmolzen sind, wenn die Fassaden die Nacht
festlich machen, die keinem gehört, sobald
all dies eintritt, dann redet die Schrift,
leise brabbelnd, Hindi, Arabisch, Hebräisch,
dass dem, der zuhört...
Was?
Nichts in Gedanken. Sie
ist der Tod. Von ihm spricht sie, von nichts
sonst. Nur die Weise ist nicht bestimmt.

»Ich bin oder ich bin nicht. Wie sollten
wir beide uns treffen?« Ein wahrer Satz
im Mund eines Toten. Unwahr auch, denn die Schrift
ist auch ein Leben. Siehe, die Mutter
aller Technik gibt dir Geleit, schärfere
Wirklichkeit findest du nicht. Andere lieben
den dreifachen Schall und die Kurve ins Weltall –
lass sie hinter dir, lass sie reden. »Nein, ich habe den Mond
nicht betreten, das bleibt natürlich der Traum.
Neil Armstrong. Alan Shepart. John Young. Sie
sind die Helden. Eine Klasse für sich.«

Eine Klasse für sich. Rapid. Das Gespräch
mit dem Raumfahrer lässt sich gut an. Er ist
Prodekan jetzt, ein Aushängeschild. Hinauf
zieht’s ihn noch immer. Der ICE rauscht
durch die Nacht. Künstlich. Ein Tunnel vielleicht.
Im National Space Museum döst eine alte V2.
Manchmal, über die Brüstung, äugt
ein junger Mann zu ihr hinüber,
ertastet den pockennarbigen Rumpf. Meist
hat sie frei. Für derlei Aufgaben wählt man
die Phantasielosen.
»Die Erde verlassen, wie
macht sich das?«
»Im Grunde merkt
man nichts davon. Man ist auch
viel zu beschäftigt« – er lacht – »und das ist gut so.«
»Und später?«
»Die Zeit da draußen
ist knapp berechnet. Zu teuer
für das Empfinden. Sie wollen erleben?
Ich rate Ihnen: Fahren Sie Bahn!«

Lass, lass sie reden. Manchem erscheint
das nicht ausreichend. Wer sein Quantum Wissen
aus dem Teilchenbeschleuniger löffelt, der fand
früh das Ei des Kolumbus. Krawatte, dotterfarben. Erwachsen
wird man so nicht, aber man kommt
in die Jahre. Oder es kommen die Jahre
und ziehen davon, resigniert. Alterslos leben
Heisenbergs Jünger, die Götter des Wirklichen.

Jenseits von Hören und Sehen beginnt die Schrift. Ihre Tiraden
ziehen dich weiter. Dunkel ist nicht der Sinn. Dunkel
ist der Weg. Auch das trifft, leider, nicht zu. Dunkel ist
der Gang. Wer sich bewegt, weiß das zu schätzen. Unruhevoll
entspringt ein Gemüt. Wohin? Dieser Rembrandt zum Beispiel
entspränge im Nu. Geist nützt nichts. Allein der blindeste Drang,
gepaart mit Schläue, erreicht den Ausgang.
Aufpasser gibt es genug. Manche erkennt man,
andere nicht, das hebt sich auf. Das Spiel ist offen:
mit der Zeit
wechselt der Abstand. Wer Zeit hat, hat Zeit. Sagen wir: einmal.

Das ist herb, aber es trifft. Die Sache, geschlagen weicht sie zurück:
ein zweites Leben, mitgeführt für die Verzweigungen,
das wär’s. Deutlicher wäre,
wie man es macht, ›falsch‹ nicht länger
das richtige Wort. Klar triebe das Leben, entschlossen,
eins links, eins rechts, eins links ... Schmerzlos verkümmerte dann,
was keine Kraft hat, an sich. Einfach
an sich. Das wäre Leben. Dieses hier
reicht für die Mühle. Oder die Klapse. Dazwischen
pendeln die Offenen. Auch das Ende bleibt offen,
man sieht’s an den Augen. Einer muss kommen,
der sie schließt. Das geht leicht und ist menschlich.
Mehr Schwierigkeiten bereitet der Mund, doch selbst
ein gebrochener Kiefer schadet nicht viel. Diesen Vorteil
genießt, wer tot ist, kalt. Zwar das Selbst
bleibt auf der Strecke, aber sowas passiert
den anderen auch. Manchem genügt dafür
sein Geschlecht. Bitteres Erbe. Wer falsch hineinkommt, findet
spät heraus oder nie. Leben fürs Zubrot. Juristen wissen
am meisten davon. Verbiegt euch! Evas Töchter
sind hier im Vorteil, sie glänzen, nur Söhne
sollten nicht sein.

Sollten nicht sein. Sind aber und da
gibt’s kein Pardon. Zurückgewichen
wird nicht. Wer das täte, der hätte
sein Leben im voraus blessiert, das ist so
unzumutbar. Unzumutbar der Frau, umso
weniger darf es der Sohn. Die offene Tür
führt in den Abstand. Der ist gut, der ist
immer empfehlbar. So anderes auch. Zeit,
sich zu empfehlen. Wer kann, der hat. Schuhwechsel.
Jenes Stück Holz zum Beispiel
zeigt kein Gefühl. Sehr zu empfehlen.

Auch dieses Wort
sieht dich streng an, es wechselt die Seite,
bevor es dir schmeckt, über den Tellerrand äugt es:
»Rühr mich nicht an. Auf mich sind Schärfere scharf.
Du sollst dich nicht messen.« Das ist wahr, es ist  
die Seele des Spiels sogar. Nur das Spiel ist verlogen, umsonst
kostet es viel. Ungnädig geht es dahin, sein Name:
Intimität. Wer es verstanden hat, weiß. Furcht
gibt die Regel. Fürchterlich
ist das Ergebnis. Unter dem Strich bleibt,
was der andere eintreibt. Dafür bückt er sich tief. Oder er treibt,
was er treibt, im Verborgenen. Die Dinge stellen,
ausweglos. Sand, Nichtsand. Kornlos. Erst unterm Mikroskop
zeigt sich Struktur. Auch da
bleibt vieles unklar. Heftig
tritt es hervor oder spät. Ein Auge zuviel
wiegt die Regel nicht auf, der es weicht.

Klagen –
was bringt’s? Es behindert den Nachbarn, der grad’
auch dazu ansetzt. Ihm drückt der Spaten
unter das Kinn ... er gärtnert ein wenig. Beruflich lebt er in Taiwan,
ein bisserl busy, wann’s geht; nonchalant.
Zwischen zwei Flügen beschwer’n
tut man sich schon, wer weiß, was sonst
alles davonflög von der geplünderten Erd.
Fern steht die Stadt auf dem Hügel,
der erst ein Turm davonflog, nachher der zweite.
Nahfern vielleicht, eine Träne. Gefangen
im blutenden Aug. Auch die Kinder beklagen
sich über die Welt. Sie mögen Amerika nicht.
Seltsam berührt dieses glühende Pendel,
das sie ergreift und umkehrt im Nu.
Im Lande Kauderwelsch sind die Nuancen
mit Händen zu greifen. Grob ist das Mindeste,
ein blasses Korn,
das aufgeht wie nichts. Schreit euch hinaus, auf der anderen Seite des Wassers
haben sie andere Sorgen.

Komm, setz dich ins Dunkel, Kind, mein blindes Auge
hat Platz für uns beide, wir reden im Schatten.
Kein Papagei nistet da, doch Vögel
fliegen davon, unscheinbare, ein Archaeopteryx leider
ist nicht darunter. Fortschritte meldet
das Unscheinbare zumeist, in der Summe
liegt der Gewinn. Herrschaft, mein Kind,
ist eine Summe. Wer sie einstreicht,
hat den Gewinn. Woraus? Der so fragt,
hat schon verloren oder ist fällig, kommen die Karten
neu auf den Tisch. Das Spiel ist einfach, es lautet:
Möglich ist alles. Wer die Regel beherrscht, ist nicht zu schlagen.
Er ist der Geschlagene. Vor ihm
weicht jeder zurück. Das gibt
ein Gefühl der Macht. Ein solcher kann einstecken.
»Das wohl. Aber es ist nicht dasselbe.«
»Nicht dasselbe? Wie das?«
»Es gibt keine Regel.«
»Das mag sein sein, aber es ist
schwer zu ertragen. Das ist die Regel.«

Auch Töchter
sollten nicht sein. Leise, mein Kind, leise, dass
niemand mich hört. Vor allem nicht du, mein Kind, meines
wirst du nicht sein. Das ist gut, gut, andererseits
gegen die Regel. Die es nicht gibt, wie du sagst, und die Mütter
pflichten dir bei. Vielleicht wäre es besser,
es gäbe sie nicht. Manches Unglück
erübrigte sich, anderes käme
rasch und wie
über Nacht. Stattdessen kommt es
als Nacht, dagegen
lässt sich nichts machen. Nachher
sind alle klüger. Nun, alle...

Auch diese Klugheit
kann sich nicht messen. Singen im Dunkeln. Das All zwar
hört mit und die Grillen vibrieren, wie nicht,
gesetzt, es ist Sommer, doch das
kommt seltener vor. Kein Laut
fällt in ein offenes Gehör. Dafür sind
sie zu offen, die weiten Gehöre
fassen vieles, nur das Unfassbare
fassen sie nicht. Fassen sie nicht.
Niemand reist in Europa. Das Pendel schwingt. Wer nicht reist,
kommt nicht an. Er kommt auch nicht
in die Fremde. Das Pendel schwingt. Niemand also,
niemand kommt an und ist
in der Fremde. Schiffbrüchig, ja,
brüchig. Kommt und sieht, wo er bleibt.
Was nicht so einfach ist, denn...
niemand sieht ihn. Kein zweiter, bewahre, nur
niemand. Da macht der Geblendete Sinn: er
ist der zweite. Kein Bewahrer, das nicht, nur im Gesicht
nistet der Argwohn. Niemandes Ankunft,
lange vorausgesehen, macht ihm zu schaffen.

Und er bereitet sich vor. Doch hat er
hinter sich niemand, der Zug
Bleibt ihm verborgen. Dreh dich um! Der Geblendete
kennt die Parole. Vorwärts rennt er, ins Ungewisse,
das ihm ungewiss dünkt, aufgehoben
weiß er sich schon. Europa
ist eine Kuh. An den Zitzen
saugen die Wölfe. Sie proben Ro und Re, aber: daraus
wird nichts. Ein Schuss und sie huschen
eilends ins Weite. Auf glitzerndem Meer
fahren sie Schlittschuh. Kein Horizont
hält sie auf, hinein ins Gewoge
gleitet sichs leicht. Kein Eis unter den Kufen: sie selbst
strömen es aus. Sie nennen sich ›Spieler‹.

Tritt heraus aus dem Dunkel. Be a part.
Dort spielt die Musik. Join the party. Oder verpiss dich. Das hier
sind bloß Kulissen, in denen
ein Sommernachtstraum sich erfindet und barmt,
ob eine Kundschaft den Lufthauch bezahlt,
der ihn arglos durchzittert.

Das Theater ist klein, man kann es ertasten. Wie der Zufall so spielt,
drängen sich wenige. Genauer gesagt, nichts
drängt, außer der Zeit, denn die Vorstellung
hat schon begonnen. Ein Schauspieler, der die Bühne betritt,
ist gut zu hören. Jeder kennt das Geräusch.
Flüchtig verbeugt sich Sosias. Er kennt
niemanden hier. Niemand kennt ihn. Ein Lacher gluckst
in Erwartung. Auftritt der zweite. Er ist
der erste noch einmal. Man merkt es
am Gang. Sosias. Leiser zuerst, stockend wie jener, sich
festigend, kommend, auf-
kommend löscht er den anderen, löscht ihn.
Löscht ihn aus. Löscht ihn aus, löscht –

Enjoy!