Ulrich Schödlbauer: PoliFem sat.5
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Vergiss das Futur. Das ist einfach gesagt, aber
auch leicht vergessen. So long. Nichts entfällt leichter als
gerade das. Mag sein, es kommt
nicht darauf an. Mit dem Morgen
verdrückt sich das Heute. Auf und davon. Mag sein,
beide brauchen einander. Mag sein. Doch diese Zukunft
geht uns nichts an, sie zerreißt
im ewigen Gestern. Wer im Tunnel verbrennt,
stirbt ›sinnlos‹.

Mag sein. Am Leben – seins, deins –
ändert es nichts. Der bleiche Schlauch, der das Leben bedeutet,
ändert nichts. Wertvoll
ist nicht das Dasein. Der Sprung in die Zeit
geht immer zu kurz. Lektion, nicht nur für Broker.
Auch der einfache Anleger kann profitieren,
gesetzt, er will. Nur... wer sich anlegt, ist
ohnehin nicht erreichbar, vergiss
den Vertrag. Vergiss ihn rasch, kurz
angebunden träumt es sich fort. Auch ein Wille
ändert nichts, er ist
unreif vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht
hatte er seine Zeit. Was umtreibt, ist
etwas anderes. Das gilt für vieles, ein Deo
ist kein Ersatz. Eher die Sache. Das spricht für sich,
aussprechen lässt es sich nicht. Aussprechen
lässt es sich nicht. Aktive Weigerung? Kaum. Aber der Unwille
frisst sich durch, er lauert
auf jedes Wort. Fällt es, so fällt
es durch, ist schon entfallen, der Rost
deckt Landschaften auch. Zerbricht die Stadt,
kommen sie frei. Die Angst kennt jeder. Angst? Gewendete Lust.
Lust, die nicht mehr will.
Die sich nicht mehr will.
Mag kommen, was will, wir
ebnen den Weg. Das Rasseln der Panzer
klingt eher gedämpft, denn
es ist Morgen. Zersiedelter Tag, gut. Gut
für ein geräumtes Gehör.

Du hast gesehen, was es zu sehen gab,
woher die Neugier? Wie das Geld arbeitet, gibt
immer zu denken. Hand aufs Herz: Sehen, was man nicht sieht,
zermürbt auf Dauer. ›Aufs Auge gedrückt‹: die Sprache
wusste es längst. Jetzt, da es geschieht – alles geschieht jetzt,
im langen Jetzt, das die Historiker blendet
und die Revolte beschämt –, trägt sie
das Mal des Alterns. Das ist schade, doch so
bleibt ihr das Meiste. Zaghaft gehen
die Neuerer zu Werk. Wirklich
zerfällt, was sie treiben,
und breitet sich aus. Horizontal. Die Transformation
spukt in den Köpfen. Sie treibt
dicke Wälzer hervor, eine lange Dauer
sucht ihresgleichen. Sucht. Was einmal erregte, das zappelt
als Hering im Netz der Bezüge. Das ist
gemeint wie gesagt, denn: ohne Bezüge
denkt es sich schlecht. Wer es versucht, dem fehlt
der lange Atem, er hechelt vielleicht, hätte zu Lebzeiten gern,
was nicht erreichbar. Irgendwann reichts ihm.

Wie es so läuft. Angestrengt gibt sich
das Heute. Die Kappe verkehrt
über der Stirn, zeugt es von Dauer. Nicht vorwärts, nein,
rückwärts rödelt die Rede, verdrückt sich in Lehmgruben oder
Höhlen des Jura: KALTSCHA IS IMMA. Das meint: verdammt früh,
das kleine Gehirn hat nichts zu bedeuten. Fast nichts. Nur das Geschlecht
hat schon Struktur. Neben dem Faustkeil
liegt griffbereit der Recorder.

Euphor... – nein, nicht wieder, nicht
schon wieder! –
Euphorbia gorgon... So nicht! Rein
äußerlich gleichen sich alle Medusen. Innen
bleckt manches anders. Wie eine erstarrt, darüber
fordern sie Auskunft und eine
triffts nicht allein. Der Aufbruch
trifft viele ins Herz. Herz der Stille. Drüber weg sein:
die Gunst der Stunde. Doch wer, Hand aufs Herz, wäre
schon drüber weg? Die Wunde blutet nicht, schmerzt. Das ist, sie blutet
im Verborgenen. Innen sind alle Bluter. Das schreibt sich
so leicht und ist
ein Missbrauch der Sprache vielleicht. Vielleicht auch nicht. Menschheit
hat kein Antlitz, man muss ihr eins borgen. Warum nicht auch
den Körper dazu, ausgerüstet
mit allen Organen?

»Ich kann es dir sagen.«
»Ja?«
»Es hat keinen Zweck.«

Es hat keinen Zweck. Zu viele
bevölkern den Globus, ein jeder von ihnen
hat seinen Kopf, nur einen zwar, schau:
Sowas summiert sich. Der Berge versetzende Wahn
endet am Wasser, das still,
ungetrübt, fließt, wo es will. Was es will, bleibt
unklar, erklärt sich in Spiegelungen,
dem groß geschriebenen Du – Wurf,
der nur knapp den Empfänger verfehlt, das vor-
enthaltene Ich. Egomanie treibt, bleibt aber
blind. Das krasse Ich
ist das entleerte. Scheiß drauf. Motorisch
fühlt es sich stark. Das Flüssige selbst
setzt eine Grenze. Was, wenn nicht Gestern, wäre
das Häutige, dem eine fehlt, die ihm zuwächst
aus dem Verlust: Zukunft.
Heute: ein Bärendienst, ungebeten
drängt er sich auf und vorbei,
im Abgelegten klimpern die Silben –
Wasch mir den Pelz –

Wer die Menschen kennt, ist ein Dummkopf.
Er redet nicht mit, denn er weiß nicht,
worüber er redet. »It’s the economy, stupid!«
Wer das nicht weiß, worüber
soll einer reden mit dem? Das bringt nichts.

Niemand ist zur Stelle, sie zu besetzen, so bleibt sie
unausgefüllt wie die Kluge, die’s umtreibt, solang die vergoldeten
Stühle verfügbar. Gut sitzt es sich da. Zwar nicht für lange,
nur da es allen so geht, geht es
in Ordnung. Der Macher dort
hat es nicht nötig, so einer
gibt Auftrieb. Oder sein Anblick
deprimiert tief, das muss man verkraften.

Die Gunst der Stunde! Sie schlägt,
schlägt unaufhörlich. Diese Wand,
hält sie?  Müßige Frage. Auf einem Kerbholz
trägst du davon, was sie meint. In Devisen
ist mancher stark, ihm klimpern die Hosen, heruntergelassen
zeigt sich der Schaden. Das zu verhindern
gibt es Verkehr, was nicht verkehrt ist, denn zwischen
den Orten fängt sich, was Leben heißt, fängt
wieder an. Immer aufs Neue.
Was als Aufbruch begann, es endet als Flucht. Fluchend
bekehrt sich der Neuling, der weiß: jetzt oder nie. Also nie. Darunter
tust du es nie.

»Heut kein Au-pair-Mädchen! Liebling, lass uns die Zeitung
einmal anders verwenden« –

Wie dann? Was soll das? Warum denn?
Streng ihn an, deinen Grips. Aber schone ihn auch:
Was immer du vorbringst, es hält
keine Stunde. Du selbst
hältst keine Stunde. Doch doch, mach dir nichts vor, du bist
deshalb kein anderer wie diese Maschine,
die Psychen ausspuckt, ganz nach Belieben.
Maschine schon, da hilft kein Gebarme. Bewusstseins-
Welten kennt jeder, plural treibt
es jedes Gedächtnis und ohne es
siehst du alt aus. Ganz unter uns: Auch mit Gedächtnis
siehst du alt aus. Schonung, die braucht es. Gelegentlich wächst
ein Wald zwischen Pfosten im Nu und du wandelst – wandelst? –
zwischen harzigen Stämmen, die das Fürchten dich lehrten,
Daumesdick, der du bist, oder Naslang, vielleicht auch
Lady Heureka, unter dem Zahnfleisch liegt,
gut versteckt, doch nicht gut genug,
Identität.

Nicht gut genug. Das sagt sich dahin,
wenn es vorbei ist. Ungutes Ambiente:
»Schaufler putten dich ein.« Das hat
keinerlei Eleganz. Dagegen
geht einer an, solange es geht. Unter der Hand
wacht er auf und die Unruhe
geht durch ihn durch. Geht durch ihn durch und verlässt ihn,
zuckender Körper. Dagegen
hilft ein langes Bad, das die Parameter regelt. Oder
ein langes Gespräch mit dem Arzt. Oder
gleich Politik: Umschlagplatz der Gefühle. Das Unrecht,
das niemals abnimmt, zehrt die Substanz.

Die Politik... ist die Moral. Sie ist,
was zählt. Das andere
fällt unter den Tisch. Wer mag,
balgt sich im Dunkeln.
Umkämpft will sie sein, denn sicher
gehört sie keinem, und wer sich schneidet, verliert oder geht ein
ins Haus der Geschichte. Blut muss fließen und fällt
einer aus heiterem Himmel: ›va banque‹
buchstabieren sie alle, vom Ende her
dröhnt es im Chor. Der Abschied gibt Deckung.

Komm, setz dich ins Dunkel, Kind, mein blindes Aug
ist eines zuviel, lass uns teilen. Besser teilt es sich
durch Gebrauch. Sag nicht, du könntest nichts sehen.
Das ist wahr, aber es hilft niemandem auf. Vergleiche,
was immer du willst, ein leeres Auge
ist ein geräumiger Ort.

Wir sind auf dem Mars. Ein Sender
funkt Bilder zur Erde, den wir nicht kennen. Unsere
Expedition ist älter. Mit dem Staub leben,
das lässt sich lernen. Die ewige Suche nach Wasser
verdirbt den Geschmack. Gern hätten
wir denen, die kommen, den Becher geboten, aber
es kam nur Blech. Hörst du es schnarren? Das ist
keine menschliche Stimme. Keiner
gibt sich mit Lautsprechern ab, der seine Sinne –

Die Senke dort drüben, kleine Kuhle,
dort lass uns liegen. In jede Mulde
nistet sich Menschliches ein, das ist ›gegeben‹. Wir aber wollen nur
still sein und schauen: den gelben Himmel, der näher
uns steht als die scharrende Hand, die rötlichen Felsen,
nahtlos aus Dunkel erwachsen. Wereld, ein Topos, drauf hockt
Gevatter Tod, ein dürrer Bekannter, er trägt sein Gerippe
unter dem Tuch, das ihn weitläufig einhüllt.
Schweigsamer Bursche. Zäh. Wir wollen ihn kränken,
das gibt ihm Kraft und hilft ihm durchs Alter. Daneben,
klüglich daneben, auf weiter Fläche, entdeckt sich die Schwärze,
zeigt, was es gibt, wenn es gäbe, doch davor
schreckt es zurück. So legen die Bilder sich unter,
mit denen wir kamen. In dieses Tal
kamen wir früh. Eine Schlucht meinetwegen, doch
man hört keine Schluchzer. So erübrigt
diese Rede sich auch. Im Sonnensystem
steht unser Paddel auf Ankunft. Morgen brechen wir auf.

Zwitschermond. Leichte Verstimmung und schon
kreist der Trabant. Wer ihn betret-
en will, erntet nur Hohn. Also, unbetreten, ein Wunsch-
Ort, dreht er sich fort, ein Erbe der Zeichen, Ziel,
das sich niemals ergibt. Unsinn, mit flüchtiger Hand an die Tafel
gemalt und gelöscht. Sich niemals ergibt. Außer im Wortspiel.
Macht Lahme gehen und Blinde
hören die Stimmen des Lichts, die sich nie
einigen können, denn das
brächte ein Ende des Spiels und den Anfang von etwas,
das Scheu weckt. Die Verwandlung des Lichts
in Wärme ist auch ein Projekt, aber eines, das kalt lässt.
Dafür gibts Fördermittel, gewiss, das Abgreifen liegt
allen am Herzen, das schlägt, als gelte es, Pflöcke
einzutreiben gegen das Fließen, das es bewirkt.

Hingestrichelt ins Licht, blütenbesät –
mit silbernem Griffel
flüchtig skizziert, der tägliche Frost
geht drüber hinweg, eindrücklich, doch
was sichtbar ist, bleibt. Das Heer der Befruchter
fällt ein, fällt aus. Zur Zote gerät
Verwunderung leicht. Darauf
lässt sich verzichten. Oder auch nicht: Ventile
sind gewiss nötig. Sie zeigen dem Zartsinn, was ihn erwartet,
wenn er nicht spurt. Oder der andere. Das Erbärmliche rudert
immer zurück, entsetzlich roh
geht er zur Sache. Das ist kein Männerproblem.

Nicht Raum geben, nicht, oder doch, eben dies –
Jongkindsches Segel, nicht schlaff, nicht geschwellt,
passierbar die Flut, die –. Was nicht bleibt, kann so bleiben,
weil es nicht fragt, beiläufig aus Gründen,
die weiter abliegen, Küstenstücken, begafft von
verschwundenen Augen an verschwundenen Wänden
zu verschwundenen Zeiten oder,
wie das da, heute. Zeiten gab es, da malten
erwachsene Männer den Mond: nicht ein-, nicht zweimal,
ein Leben lang. Nervig, mag sein. Solange ihr Pinsel
die Scheibe aus Leinwand traktierte, was
empfanden sie da? Praktisch nichts. Ins fast fertige Bild
den Mond einfügen, davor hat einer Respekt, den anderen sagt es nichts.
Nicht fragen. Tun. Das Dürfen
beschädigt die Leute, die sich der Menschheit verschreiben
als bittere Pille. Oder als süße. Ob’s schreckt? Im fernen New York
verteilt einer Einfälle, köstlich,
die nach nichts schmecken, ogott, selbst der Geruch
kommt nicht rüber: ein Lockruf, auf halbem Weg –
stecken geblieben im transatlantischen Werben –
der Rest trifft jeden. Nicht jedem verständlich,
aber er brabbelt, wie’s geht. Brandung
kennt keine Worte, sie schluckt sie. Um Fassung
wird nicht gerungen, man hat sie oder es schert
einen nicht weiter. Was zählt, ist die Sicht. Sie muss gut sein.
Fällt die Kinnlade, dann
verändert sich eine Visage, wird
kenntlich vielleicht oder unkenntlich.
Vertrauen hebt. Bekenn dich. Ein Ressentiment
wirft dich zurück. Lichtjahre. Virtuell sind sie alle, ein bisschen
Virtus ist immer dabei, wenn die Einfachen sterben.
Viel sagt das nicht. Schließlich vereint dich der Abstand,
der dich verletzt. Möglich, er fällt
aus und du gehst
ein in die Stadt der Genüsse.