Ulrich
Schödlbauer
Casanova Etüden
1.
Dem Greifenden ist meist Fortuna hold. – 1725, den zweiten
April – als hätte der erste um jeden Preis vermieden werden müssen
– in Venedig geboren, aufgewachsen, in Padua zum Doktor beider
Rechte promoviert, Dichter, Abbé und Lebemann, erste Reisen nach
Korfu, Konstantinopel, Rom, Neapel, Mailand, Genf, Prag, Dresden,
Wien – der kleine Zyklus, Fahrten, die stets an ihren Ausgangsort
zurückführen, die Mitte, Venedig, das Maß – bis er sich eines
Nachts, nicht ganz zwanglos, zu einer anderen Fahrt entschließt,
zur Reise ins Innere der Biberrepublik, an ihr heimliches Zentrum:
Am 25. Juli 1755 befindet sich Giacomo Girolamo Casanova –
beklommenen Gemüts, wie er später schreibt, und wir haben, so
versichern uns jedenfalls neuere Biographen, kaum jemals Grund, an
seinen Worten zu zweifeln – auf dem Weg in die Bleikammern, das
Staatsgefängnis, denunziert als der, der er ist und wohl einiges
mehr. Als er es knapp eineinhalb Jahre später – von selbst
gefertigten Spießen, gereimten Kassibern, dummboshaften Helfern und
tölpelhaften Aufsehern geht da die Rede, von durchbrochenen
Dächern, gigantischen Leitern, abergläubischem Schnickschnack,
schier übermenschlichem Einsatz und, wie anders, von
nichtsahnend-erbarmungsvollen Frauenhänden – auf ungewöhnlichen
Wegen verlässt, ist ein Mythos geboren, und der fortan, unermüdlich
die Karrenfurchen und Schlaglöcher der Alten Welt erprobend, die
Länder Europas wie Beinkleider wechselt, weiß, dass die
Empfehlungsschreiben und Schmähbriefe, diese fliegenden Blätter des
Ruhms, schon bereitliegen, wohin er sich immer wendet: ein
Emigrant, der auf die Institutionen seiner Vaterstadt nichts kommen
lässt, ein lebendiger Garant überdies für die Richtigkeit seiner
Botschaft, dass die Welt keine Mauern hat, den einzelnen, der weiß,
was er will, und der die Gelegenheit zu ergreifen versteht, an der
Ausführung seiner Pläne zu hindern – die Frauen vor allem hören es
gern, und die Wissenden schweigen. Ein Emigrant aus der Reihe
derer, die, unter den Bedingungen des Exils, sich ihrer
Provinzialität zu entledigen wissen um der Durchführung der Person
willen – »vorausgesetzt, man beginnt rechtzeitig und hat eine feste
Konstitution.«
2.
Doch unten hin die Bestie macht mir Grauen. – Paris und
Bern, Avignon, Nizza, Marseille, Genua und Wolfenbüttel, London,
Berlin, Warschau, Köln, Petersburg und Madrid, Saragossa,
Montpellier, Wien – überall Beziehungen; glanzvolle Auftritte,
Triumphe und Ausweisungen. Ein solches Leben muss ein Geheimnis
bergen, muss seine Hintergründe haben, weil es soviel Vordergrund
bietet. Welchen anderen Zweck verfolgt also wohl, neben dem der
Selbstdarstellung, jene monumentale
Histoire de ma vie, die
erotische Lebensbeichte, als den, beiläufig abzulenken von den
obskuren Geschäften, den geheimen Aufträgen und verschwiegenen
Dienstleistungen, den großen Intrigen und kleinen Machenschaften,
Stationen einer Karriere im Verborgenen, im Schatten der Mächte,
deren Effizienz er an sich so eindrucksvoll hatte erfahren dürfen?
Ein Libertin auf Abruf, sozusagen. Man muss nur die Proportionen
zurechtrücken, die Hinweise dechiffrieren und die Gerüchte, die ihn
umgeben, als Teil des Rufs nehmen, der ihm vorauseilt und die
Großen und Halbgroßen wissen lässt, an wem sie sind, welche Art von
Umgang mit ihm sich empfiehlt, von geschäftlichem Umgang, so wie
man mit Pfandleihern verkehrt. In der Tat: sein stets wacher Blick,
seine Menschenkenntnis, seine Umarmungstaktik, sein
moralisch-technisches Geschick, seine sozialen Vorlieben – schwer
zu entscheiden, in welchen Kreisen er sich lieber aufhält: unter
Leuten von Stand oder solchen, die sie mimen –, dies alles,
zusammengehalten mit seinen unbestreitbaren, grenzüberschreitenden
Erfolgen, qualifiziert ihn, vor jeder bestimmten Handlung, zum
Spion in einem Jahrhundert, klatschsüchtig und geheimniskrämerisch,
universal und sesshaft wie das seinige. Ganz außer Zweifel ist die
Aura des Zweifelhaften, die ihn umgibt und die selbst das
Unbezweifelbare durchtränkt, sein Format. Der Ruf dieses Mannes ist
sein Charakter. Zwischen den Ochsenkarren der Händler,
Schaustellerfuhren und gelegentlichen Equipagen die eigenen Mittel
von Poststation zu Poststation überschlagend, reiht er sich in den
nie versiegenden Strom aus dienstfertigen Militärs, skrupellosen
Abenteurern und undurchsichtigen Agenten, der die Residenzstraßen
des alten Europa wässert und die Häuser der Mächtigen netzt, ein
Mann des Zwielichts. Schließlich, so haben wir ihn am liebsten:
mutig und beschlagen, häufig im Unklaren über das Gewicht seiner
Erkenntnisse, präzise und anmaßlich, den abenteuerlichen Zug seiner
Erkundungen eitel herausstreichend, wirkliche Gefahr dabei eher
wegwerfend behandelnd, stets suggerierend, im Mittelpunkt der
Ereignisse gestanden zu haben, ein Spion, unserer vielleicht,
seiner Zeit, Freund oder Feind?
3.
Wenn er dir steht, so hast du’s weit gebracht. – Seine Moral
ist die seiner Zeit, und dieser Gemeinplatz hört auf, einer zu
sein, sobald man sich klarmacht, dass es tatsächlich eine Moral der
Gemeinplätze ist, in der er sich sanft und sicher bewegt, eine
Moral, wie sie die Spatzen von den Dächern schreien – und er hat
ein waches Ohr für derlei Geschrei – , eine Moral, in der es
Tölpel und Intriganten, Narren und Weise, Verführer und Verführte,
Aristokraten und Gauner gibt, auch Weltflucht, gewiss, doch nicht
jenes einwärts gekehrte Sich-in-sich-selbst-Fühlen des isolierten
Gemüts, das jeden Augenblick ein moralisches Universum postuliert,
weil ihm das natürliche abhanden gekommen ist – eine Moral ohne
Moralität, dieses Markenzeichen des bürgerlichen Zeitalters. Die
moralische Defizienz des Wirklichen ist kein Gedanke, der Casanova
beunruhigt, er kennt ihn nicht und wüsste mit ihm nichts zu
beginnen. Seine Beutezüge gelten dem Status quo, der noch zu seinen
Lebzeiten zum Status quo ante wird: In ihm sammelt sich die
Weltkenntnis des Ancien régime, um in einer nutzlosen, doch
lustvoll überlieferten Anstrengung zu verpuffen. Über die
Französische Revolution spricht er nie anders als über ein
verdammenswertes Verbrechen, sie liquidiert seine Moral. Gleichwohl
gehört er zu den Gestalten, welche die Irritationen einer neuen
Epoche in die alte Gesellschaft hineintragen. Der Kavalier, der
Spieler, der Homme de Lettres sind Vermummungen des Erfolgsmenschen
Casanova, der seine Erfolge der Spezialisierung verdankt, einer
Tugend im Werden. Wenn, nach dem Urteil eines späten Liebhabers
alteuropäischer Adelsethik, es den Aristokraten vom Bürger
unterscheidet, dass man fragt, was er ist, und nicht, was er kann,
so trifft das den Nichtbürger Casanova, der zu sein prätendiert;
was er kann, steht außer Frage, gerichtsnotorisch sind die Zweifel
an seiner schillernden Existenz. Zum Dubiosen, das ihn umgibt,
gehört der alchimistische Hokuspokus, der seine Opfer einlullt und
ihm die Taschen füllt – hier plündert er Restbestände eines älteren
Wissens, eines älteren Wissenschaftstypus. Vorausdeutend sind seine
medizinischen Kenntnisse und der fulminante Gebrauch, den er von
ihnen macht: »Ich fühlte mich immer für das andere Geschlecht
geboren, daher habe ich es immer geliebt und mich von ihm lieben
lassen, so viel ich nur konnte.« Der Satz enthält das naive
Selbstporträt dessen, der mit seiner Begabung ernst gemacht hat.
Das Studium des Körpers geht dem Studium der Körper voraus. Der
Spezialist erkundet seinen Gegenstand und prüft seine
Instrumente.
4.
Gern biss’ ich hinein, doch ich schaudre davor. – Das
ländliche Milieu, Grafen und Gräfinnen, hält die Topoi des
Liebesspiels schon bereit: Eine Pächtersfrau, neuvermählt und, wenn
man’s glaubt, auffallend durch ihren Mangel an sozialer
Intelligenz, über die Casanova nichts geht, erregt die Neugier des
Siebzehnjährigen; ein sachkundiges Publikum applaudiert und
ermuntert, nur die Schöne versagt sich; gleich schwillt der Kamm,
wird der Verfolger zum Verfolgten. Die Heimfahrt von einer
Lustpartie, aufziehendes Gewitter, weibliche Hysterie und
entschlossenes Zugreifen, flüchtig als Galanterie getarnt,
entscheiden das Spiel zu seinen Gunsten. Es ist sein Gesellenstück.
Später wird die Sache leichter, doch auch gefährlicher: von einem
Casanova verlangt man, dass er Erwartungen erfüllt, und er wäre der
letzte, sich zu verweigern. – Ein groteskes Bild: die zwischen
Blitzen dahinrasselnde Kutsche, peitschenschwingend der Kutscher
und über die vor Entsetzen und aus anderen Gründen erstarrte Dame
sich krümmend der Held, mit einer Hand den von Wind und Regen
gebeutelten Mantel mehr allegorisch als tatsächlich über die Szene
breitend, eine Szene an der Grenze zur Vergewaltigung, eine soziale
Vergewaltigung, immerhin, und nach Fahrtende das Trinkgeld für den
Kutscher. Es ist eines der Bilder, in denen sich die Zeit
bespiegelt, und wie sie, gestochen von der Hand sachkundiger
Meister, in den Kabinetten adliger Sammler zu vorgerückter Stunde,
kennerhaft zwischen Daumen und Zeigefinger gedreht und gewendet,
aufmerksame Blicke und anekdotenreiche Kommentare auf sich zogen.
Eine Szene, vergleichbar der berühmteren, die den Abenteurer
anlässlich der Hinrichtung des Königsattentäters Damiens am 8. März
1757 in Paris in der Rolle des Zuschauers zeigt. Casanova hat, dem
Brauch folgend, Fensterplätze gemietet. Während drunten auf dem
Marktplatz das Opfer königlicher Rachejustiz von glühenden Zangen
zerrissen wird, hebt der Begleiter des Chronisten der leicht erhöht
vor ihm stehenden, mit verschränkten Armen auf die Fensterbank
gestützt unverwandt dem Spektakel beiwohnenden Dame die Röcke zu
einem langwierigen Akt ohne Worte, dessen Höhepunkte der amüsierte
Tatzeuge akribisch verzeichnet: »Ich bewunderte seinen derben
Appetit und, mehr noch, die schöne Ergebung der frommen Dame.« Als
das Stück aus ist, sind die Gesichtszüge des Herrn unverändert
fröhlich und frisch, die der Dame eine Spur nachdenklicher als
sonst. Das war’s. Der doppelte Tabubruch und seine Genüsse
diktieren die Rollen; das Entsetzliche kulminiert mit dem
Lächerlichen.
5.
Mordgeschrei und Sterbeklagen! / Ängstlich
Flügelflatterschlagen. – Nie zetert Casanova hemmungsloser, als
wenn sich ihm eine Frau aus moralischen Gründen versagt. Diesen
Trick hat er den Aufklärern abgeschaut und ins Persönliche
gewendet: seine Leidenschaft, seine Begier, das ist der Ruf der
Natur, sich ihm zu verweigern ist Unnatur – kalte Berechnung und
schnöder Eigennutz im einen, finsterer Aberglaube und kindische
Gespensterfurcht im anderen Fall. Im ersten Fall ist die Frau – er
wird nicht müde, es zu beteuern – ein Monstrum, aller Verachtung
wert, im zweiten ein Opfer, bedauernswert, dunkler Mächte und
Verschwörungen: die Jesuiten sind’s, die Antipoden, die der
lachende Freimaurer in jedem der vermeintlichen Tugend, das heißt
dem Vorurteil abgelisteten Geschlechtsakt übertölpelt – das ist
sein Stil, großer Stil, der es ablehnt, mit trügerischen
Versprechungen, der es vorzieht, mit handfesten Erfüllungen zu
argumentieren. So im Fall der schönen Nichte, der fleischgewordenen
Unschuld, der, kaum aus dem klösterlichen Gewahrsam entlassen –
auch sie in jesuitischen Händen –, binnen eines halbstündigen
Gesprächs am Kaminfeuer, nur halbwegs wissend, wie ihr geschieht,
die Ehre widerfährt, den Samen des Unbekannten von ihren Fingern
wischen zu dürfen, wenige Schritte von der konversierenden Tante
entfernt – sie habe nun, doziert der Aufklärer, eine bestimmte
Anschauung von etwas bekommen, das ihr bisher nur als nebelhafte
Vorstellung geläufig gewesen sei; »eine sehr bestimmte Anschauung«,
antwortet sie und beugt sich zum Feuer, um alsbald den prüfenden
Griff des Doktors an ihrem Geschlechtsteil zu spüren: »Sie stand
voll Würde auf, setzte sich wieder hin und sagte sanft und mit
vielem Gefühl, sie sei ein Mädchen von Stand und glaube Achtung
beanspruchen zu dürfen«; dieses Mädchen, Stand hin, Stand her,
schreibt ihm wenige Tage später einen Brief, in dem sie ihm die Ehe
anträgt, um der Zwangsheirat mit einem Kaufmann zu entgehen, den
sie nicht kennt – einen Brief, der ihn rührt, ein Angebot, das er
unmöglich ausschlagen könnte, es sei denn, die Umstände zwängen ihn
dazu – tatsächlich tun sie’s. »Bleiben Sie ruhig und lassen Sie den
Kaufmann nur kommen. Sie können unter allen Umständen auf mich
zählen. An dem Tag, für den man die Vertragsunterzeichnung ansetzt,
werden Sie nicht mehr im Haus Ihrer Tante sein.« Damit sind die
Regeln geklärt, und die Liebenden versinken in Wollust. Die
Philosophie – wohlgemerkt: Casanovas – unterbricht nicht das
Geschlechterspiel, sondern schmeichelt es seinem Höhepunkt zu; sie
vertreibt die Gespenster und schüttelt die Betten auf.
6.
Unschätzbar ist, was niemals wiederkehrt. – In die
klassische Heldenvita – Aufstieg und Niedergang, Triumph und Fall –
wählt Casanova den Nebeneingang. Der Heros erscheint mit
Verspätung, vielmehr, er ist bereits da, bevor er bemerkt wird,
bevor er bemerkt werden kann – ein blödes Kind, das spät begreift,
doch dann umso rascher, um binnen kurzem die Gleichaltrigen zu
überflügeln, so, als müsste das Genie erst gestaut werden, bevor es
mit Macht hervorbricht. Lapidar teilt der Biograph das Datum seiner
zweiten, seiner geistigen Geburt mit: »Das Organ des Gedächtnisses
entwickelte sich bei mir Anfang August 1733; ich war damals acht
Jahre und vier Monate alt.« – Das »Organ des Gedächtnisses« gilt
als der Ort des Begreifens – eine zweite, erhöhte Lebensbühne, auf
der der Schauspieler zwischen Requisiten selbst Regie führt. Man
ahnt unschwer die künftigen Hypertrophien dieses Organs, von denen
sich die Eitelkeit des Schriftstellers nährt, seine letzte Potenz.
Aus erinnerungslosem Dunkel tritt der kindische Genius übergangslos
in die Taghelle des erinnernden Bewusstseins. Sogleich liefert er
Proben einer umfassenden Denkkraft. Der gerade Neunjährige – es ist
sein Geburtstag – macht eine Schiffsreise auf dem Brentakanal.
Schlaftrunken erliegt er dem Wahn, die das Ufer säumenden Bäume
seien über Nacht ins Laufen geraten. Von der Mutter darüber
aufgeklärt, dass, ganz im Gegenteil, er sich mitsamt dem Schiff
fortbewege, während die Bäume ruhig an ihrem Fleck verharrten,
schließt er sofort, überraschend und per analogiam, dann sei es
wohl möglich, »dass auch die Sonne sich nicht bewegt, vielmehr
unsere Erde von Osten nach Westen rollt«: Nichts geringeres als die
Kopernikanische Einsicht, den staunenden Erwachsenen – die in ihr,
mit Ausnahme eines Poeten und »freien Geistes«, noch keineswegs zu
Hause zu sein scheinen – aus dem Kindermund souffliert, vermag die
Größe des Vorgangs zu illustrieren. Die Entdeckung gleichsam
nachentdeckend, in der, als in ihrem Ursprung, sich die
neuzeitliche Vernunft bespiegelt, entdeckt sich der neue Heros der
Welt, der Memoirenschreiber der Nachwelt. Die Fackel der Vernunft
wirft den Glanz magischer Illumination – ein alter Mann, versunken
ins Zeremoniell des Gedenkens, als sei er der gewesen, von dem
geschrieben steht, entwirft in seinen Gedächtnisübungen
planmäßig den Helden der Epoche und überliefert ihn dem Gedächtnis
der Menschheit.
7.
Die Stellung, seh’ ich, gut ist sie genommen. –
Schauspielerinnen, Prostituierte, Damen in Geldnot und auf dem Weg
ins gesellschaftliche Abseits – zweitklassige Eroberungen, wie
Ernst Jünger meint, der den Rat gibt, sich dann doch eher an das
Vorbild Lord Byrons zu halten; dort finde man die Erotomanie mit
Distinktion gepaart. Der Dichter, für den das Studium der
Stammbäume dem sexuellen Rapport vorausgeht, er irrt, wie die
Forschung dankenswerterweise enthüllt. Casanova beschläft auch,
wenn er verschweigt. Diskretion ist Standessache. Doch in der Tat
lassen nicht die Begehrlichkeiten des Snobs diesen Mann
handgreiflich werden, sondern die des Reisenden; da gibt es
Unterschiede. – Die Kutsche steht bepackt, die Gäule werden
eingeschirrt, Casanova in Reisekleidern, letzte Verhandlungen mit
dem Wirt, als der Kutscher sich nähert und unter Bücklingen,
stockend erst, dann flüssiger redend, dem Ersuchen einer fremden
Dame sein Wort leiht, einer Dame, die bitten lässt, den frei
gebliebenen Kutschenplatz besetzen zu dürfen, welchem Wunsch sie
mit finanziellen Angeboten Nachdruck zu geben wisse, aus einer
wirklichen Notlage heraus, weswegen es wohl angebracht sei, ihm
stattzugeben... Man erregt sich, forscht weiter, beruhigt sich; die
Unbekannte ist schön, ihr Begleiter abhanden oder im Begriff
abhanden zu kommen, schon rollt die Kutsche, noch werden erste
höfliche Floskeln getauscht, als der reisende Kavalier sich bereits
entflammt sieht; er wird die schöne Unbekannte besitzen, und das
darf er dann auch, zu wechselseitigem Entzücken, bis ihn die
Verpflichtungen des Abenteurers aufs Neue einholen und er die
Geliebte, die Angebetete, die Göttin, einem befreundeten Baron in
reiferem Alter verkuppelt – »wie hätte ich den Bedürfnissen meiner
Göttin auf die Dauer Rechnung tragen, wie also hätte ich sie an
mein unstetes Leben fesseln können, ohne mich an ihr zu vergehen?«
In verschiedenen Varianten kehrt diese Geschichte wieder, eine
simple Geschichte, mit Traumresten behaftet und erzählt in einem
heiter-elegischen Tonfall, im Tonfall dessen, den unter seinen
Geschichten diese vielleicht am ungreifbarsten verrät. Wem sie zu
schlicht klingt, der lese sie als Allegorie: Während die
distinguierten Wahrheiten von Staat und Religion hinter gelassener
Maske unruhig die Ankunft des Aufklärers erwarten – misstrauische,
in die Jahre gekommene Schönheiten – , durchträumt dieser das
Märchen von einer neuen Wahrheit, einer, die sich seiner
Sinnlichkeit unversehens enthüllt, und die er doch wird abtreten
müssen – der Schriftsteller als Vorkoster der Mächtigen, kein
unalltäglicher Fall.
8.
Ein schön Gebild, das sich so zierlich regt. – »Gegen Ende
September 1763 machte ich die Bekanntschaft der Charpillon, und an
diesem Tage begann mein Sterben.« Der dies schreibt, schickt sich
an, die Geschichte einer Begebenheit aufzuzeichnen, die er
»entsetzlich« nennt, die Chronik seines befremdlichen, langwierigen
und stummen Kräftemessens mit einer Londoner Prostituierten, in dem
er immer neu unterliegt, bis zur letzten Demütigung, dem Entschluss
zum Selbstmord. Sein »guter Genius«, ein befreundeter Kavalier,
führt den Schwankenden – in seinen Taschen die Bleikugeln, sich zu
ertränken – vom Themseufer fort und in das Lokal, in dem, vor aller
Augen, die tot Geglaubte (tot durch seine Schuld) ein Menuett tanzt
und es ihm, endlich, wie Schuppen von den Augen fällt. Es ist die
Geschichte von Hybris und Sturz des Erfolgsverwöhnten, der sich
erlaubte, eine Geliebte öffentlich zu annoncieren, und dem nun das
Schicksal selbst in Gestalt eines weiblichen »Dämons« in den Weg
tritt. Hier ist alles bedeutsam: der Schauplatz, die »Riesenstadt
London«, die Schuhschnallen, welche die Siebzehnjährige, eine
»makellose Schönheit«, bei der ersten Begegnung trägt – Casanova
hat sie ihr drei Jahre vorher, unter ganz anderen Umständen,
gönnerhaft zum Geschenk gemacht – , die Vordeutungen, die
Erinnerungen. Der erste Akt dieser klassischen Tragödie ist die
Geschichte eines Gelegenheitskaufs, bei welchem dem hochfahrenden,
bereits gewarnten Chevalier ein Missgeschick unterläuft: Er hat die
Ware bezahlt, ohne sie zu bekommen, sein sportlicher Ehrgeiz
erwacht. Der zweite Akt spielt, zu neuen Konditionen, im Haus der
Ware: Eine lange Liebesnacht hindurch – zu der die Mutter der Dirne
die Kissen geschüttelt und die Decken gelegt hat – verharrt sie
unverändert in einer Pose, in der sie, »zusammengekauert, mit
gekreuzten Armen, den Kopf auf die Brust gelegt, in ihr langes Hemd
eingewickelt«, den zunächst liebevollen, schließlich brutalen
Attacken des Bettgenossen trotzt. – Gelegenheitshure, ehrbare
Dirne, Mätresse und Dame Schäferin – in jeder dieser Rollen
perfekt, reizt sie den Gelegenheitschevalier auf bis zur
Besinnungslosigkeit, um ihm das Eine, Entscheidende, zu verweigern,
die Penetration. Nur einmal, als sie ihn aufsucht, ganz
anspruchslose Geliebte, sperrt er sich – eine verpasste
Gelegenheit, so meint er später, ein Zwischenidyll. In der strengen
Folge der Auftritte, der Serie von Demütigungen, hat das Mobiliar
seine eigene Stelle; so haftet am Ende das Bild eines Lehnstuhls,
den man für Casanova heranschafft, um den Widerstand der Charpillon
auf mechanischen Wege zu brechen: ein sinnreich erfundenes
Möbelstück voll versteckter Federn, die sich lösen, »sobald ein
Mensch sich hineinsetzt. Der Vorgang vollzieht sich sehr schnell –
zwei Federn umklammern die Arme, zwei weitere bemächtigen sich der
Knie und spreizen die Schenkel, die fünfte hebt den Sitz kräftig
an«. Casanova verzichtet, doch ist die Beschreibung für unsere
Kenntnis des Erfindungsreichtums in einem Jahrhundert, das die
Freiheit erfand, unschätzbar.
9.
Die bloße Wahrheit ist ein simpel Ding. – Wäre es nötig, die
Begegnung Casanovas mit Voltaire mit einem Emblem zu bedenken, es
wäre das von Hahn und Pfau. Treffender könnte das Arrangement nicht
sein: vom milden Haller kommend wendet sich der Abenteurer dessen
unerschöpflichem Thema zu, den berühmten Mann in Les Délices
aufsuchend, sich ihm stellend inmitten eines Hofstaats von
Kavalieren und Damen – sie sollen auf ihre Kosten kommen. Was
auffällt, ist dieses ungemeine Sichspreizen beider Parteien; es
zeigt, worauf Casanova von Anfang an aus ist, und auch, dass
Voltaire die Herausforderung routiniert annimmt – da ist keiner,
der dem anderen den Vortritt lassen möchte, genau darum geht es.
Und alles ist Theater: drei Tage Tragödie, die Helden schlagen sich
um die höchsten Werte Europas – das Gewicht eines Ariost-Verses
hier, eines Tassoni-Wortes dort –, und dann das Satyrspiel, der
obligate Disput über die Menschennatur und den Aberglauben, diese
»Bestie«, wie Voltaire ihn nennt, welche das Menschengeschlecht zu
verschlingen drohte, worauf Casanova entgegnet, sie verschlinge
niemanden, sei vielmehr notwendig zum Bestehen der Menschheit –
über diese, Voltaire zufolge, »furchtbare Lästerung« also wechselt
man Formulierungen aus der Kladde: Hobbes und Locke, Notwendigkeit
und Freiheit, der Souverän und die Stände. »Und Sie gehören doch
zum Volk«, ruft Voltaire aus – Sie sind doch Volk, soll das heißen
–, als Casanova die Monarchie verteidigt, die in den Augen des
anderen ein Despotismus ist, unverträglich mit den Freiheitsrechten
der Völker. Zwar speist man gut beim Dichter nach des Gasts
Bemerkung, doch diesen Früchten vom Baum der Erkenntnis fehlt es an
Frische des Geschmacks. Der Leser, beunruhigt, nimmt Zuflucht zu
einer Hypothese: Aus welchem Grunde wohl provozierte Casanova
diesen dürren Disput – denn das tut er, in der Tat –, einen Disput,
in dem er sich darauf beschränkt, dagegen zu halten, wenn nicht
eben das seine Absicht wäre: den anderen vorzuführen, späte,
subtile Rache für erlittene Unbill in diesem Treffen der
Eitelkeiten zu üben. Die Miniatur des Philosophen, der nicht in
Form ist, mit spitzem Pinsel entworfen und sorgsam eingefügt in die
Bestandsaufnahme der alten Gesellschaft, wie sie der Memorist
erfahren hat und zu verstehen glaubt, sie denunziert den Denkstil
des Antipoden als thetisch und revolutionär und erfahrungsblind;
man kennt die Gleichung. Seine Form, fast überflüssig zu sagen,
stellt er, Casanova, solange der Besuch dauert, allnächtens
verschwenderisch unter Beweis – ein wohlgenährter Gast im Stall
Epikurs.
10.
Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt! – Giacomo Girolamo
Casanova, genannt Jacques, Sohn der Zanetta Farussi und des aus
Parma gebürtigen Schauspielers Gaetano Guiseppe Casanova oder des
venezianischen Edelmanns Michel Grimani, Raupe oder Schmetterling,
stirbt am vierten Juni des Jahres 1798 als Bibliothekar des Grafen
Waldstein, eines Nachfahren Wallensteins, auf Schloss Dux unweit
von Teplitz, nach jahrelanger angestrengter Schriftstellerei –
unter den Resultaten ein lateinisches Epitaph auf den Tod seines
Foxterriers Melampyge, auch die Mitarbeit am Libretto des
Don
Giovanni ist verbürgt – infolge einer nicht diagnostizierten
Krankheit, nachdem er sich ein Leben lang mit Diagnosen hervorgetan
hat: Material für Biographen, die durch seine Memoiren dazu
angehalten werden, ein Gleiches zu versuchen – sein oder ihr Leben,
wer weiß das schon. Das unerhört Griffige dieser Memoiren beruht
nicht zuletzt darauf, dass der größte Teil ihres Materials
Anekdoten sind, die durch vielfach wiederholtes Erzählen
zugeschliffen und in die prägnanteste Form gebracht wurden, längst
bevor ihnen der Autor ihren Ort im imaginierten Lebensgang zuwies.
Sie sind das Handgeld des Abenteurers, der für seine Gegenwart mit
klingender Münze bezahlt. Manche von ihnen darf der Leser im
Entstehen erhaschen, wenn der Held bei Tisch, vor gereiftem
Publikum, über den Fortgang seiner aktuellen Amouren berichtet.
Doch man täusche sich nicht: Dieser Mann reist mit Papieren, in
literarischer Absicht, er treibt seine Studien, er verliert keine
Zeit, es ist ihm Ernst. Stücke wie die Flucht aus den Bleikammern
sind Vorgriffe in strategischer Absicht, zweifellos wichtig, sie
geben Kontur – doch zur geschmeidigsten aller Gattungen wird die
Autobiographie im Riesengebilde der
Histoire, in Wahrheit
einem Kompendium der Gattungen, deren Konventionen der Autor
gekonnt umspielt; der erfahrene Erotiker kennt auch hier die Neben-
und Hauptzugänge und weiß sich ihrer souverän zu bedienen. Ein
Meister der Variation, nicht der Nuance; ein böhmischer
Bibliothekar am Ende, sich katzbalgend mit dem Gesinde, die derben
Scherze seines einfältigen Herrn fassungslos, doch mit Würde
ertragend, Pandekten ordnend, hier und da zwischen den Beständen
einen Platz reservierend für Künftiges, die Werke des Chevalier de
Seingalt.
Druckfassung: Casanova Etüden, Kunsthaus-Werkstatt Schöneck
1994
Wieder abgedruckt in: Das Land der Frösche. Miniaturen,
Heidelberg (Manutius) 2001
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